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Kultur Sprechen in vielen Klangfarben
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10:00 21.05.2016
Von Ruth Bender
Vereintes Europa: Neske Beks, Liliana Hermetz, Carlos Fortea, Benjamin Haegel, Michael Bijnens, Bruno Pellegrino, Shida Bazyar, Alice Torriani, Morten Pape, Sandra Gugic, Tiril Aakre (v.li.). Quelle: ehr - Marco Ehrhardt
Kiel

Die in Belgien geborene Niederländerin mit flämisch-afrikanischen Wurzeln und dem flammenden Blick ist eine von elf europäischen Autoren, die mit ihren Lektoren oder Verlegern zur Festivaleröffnung im prall gefüllten Literaturhaus und im Zelt im Garten Einblick geben in ihre noch unübersetzten Erstlinge. „Im Deutschen passen die Worte, die Semantik. Ich liebe das. Und ich habe das Gefühl, das bringt die Intensität meines Textes rüber.“

 Der Belgier Michael Bijnens liest die Übersetzung lieber gleich selbst, taucht ab in den deutschen Text, probiert und schmeckt die Worte, die jetzt seine werden sollen. Vom Aufwachsen unter besonderen Umständen haben beide zu erzählen: In Beks’ Kleenex Chroniken trifft man eine aufmüpfige Heldin, die ihre dunkle Haut entlang der Blicke durch das flämische Heimatdorf trägt, bei Bijnen einen Ich-Erzähler, der wie der Autor als Sohn einer Prostituierten zwischen Bordell und Partyleben groß wird, ein Ausgesetzter und unbestechlicher Beobachter (Cinderella).

 Sie erzählen von verstörenden Mutter-Kinder-Beziehungen (Liliana Hermetz, Polen), von der bizarren Faszination am Sexleben der Elche (Benjamin Haegel, Frankreich) oder einem Mord, der mitten in die internationalen Friedensverhandlungen 1919 in Paris trifft (Carlos Fortea, Spanien). Der Aufbruch ins Unbekannte beschäftigt den Schweizer Bruno Pellegrino in Atlas Nègre, die Trauer über den Tod eines Kindes die Norwegerin Tiril Broch Aakre, die Auswirkungen der iranischen Revolution auf die Menschen die in Berlin lebende Shida Bazyar. Und die Österreicherin Sandra Gugic macht mit atemlosen Stakkato-Sätzen und eigenwilliger Perspektive neugierig auf ihren vielstimmigen Roman Astronauten.

 Aber so unterschiedlich die Geschichten und Herangehensweisen – etliche der Autoren schöpfen direkt aus dem eigenen Leben. Die Italienerin Alice Torriani macht den Schmerz und den körperlichen Ausnahmezustand verstörend spürbar, der ihre ebenfalls Alice genannte Heldin mit der Diabetes-Diagnose trifft. Ein Leben zwischen On und Off, in dem die Gewissheiten plötzlich auf den Kopf gestellt sind. Und Morten Pape, der über den langen Abend schon Freundschaft mit ein paar Kieler Studenten geschlossen hat, stellt seinen in Dänemark preisgekrönten Roman Planen gleich so vor: „Das ist meine Geschichte, meine Nachbarschaft.“ Eine ruppige Coming-of-Age-Story im treibenden Rhythmus aus Urbanplan, dem Ghetto-Viertel auf Amager, zwischen „blassen Kartoffeln“, wie der Ich-Erzähler eine ist, Kopftuchmädchen und muslimischen Gangstas.

 So trifft im prall gefüllten Literaturhaus österreichisch gefärbtes Deutsch auf knödelndes Dänisch und schwirrendes Polnisch, singendes Italienisch auf kehliges Niederländisch. Und die Klangfarben ergänzen sich zum vielstimmigen Ausschnitt aus der Gegenwartsliteratur Europas, ganz so, wie es Literaturhausleiter Wolfgang Sandfuchs und Kulturministerin Anke Spoorendonk eingangs ausmalen. Und was erwarten sich die Autoren von dem kleinen feinen Festival, das ihnen morgen Gelegenheit zum literarischen Austausch gibt? „Menschen und Gespräche“, sagt Carlos Fortea einfach. „Über Wörter und Sprache reden“, sagt Neske Beks und thematisiert außerdem das Problem, die eigene Person ins Schreiben einzubringen. „Ich möchte schon über mich schreiben, über das Leben mit zwei Identitäten“, sagt sie. Aber wie macht man das, ohne zu agitieren oder programmatisch zu werden? „Das ist eine Frage, die ich hier besprechen möchte.“

 Heute, Sonnabend, 20 Uhr, Café Phollkomplex: grafische Impro-Show mit den Autoren.

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