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Kultur Die Magie der Dinge
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07:00 29.10.2016
Von Maren Kruse
2002 kehrte Raffael Rheinsberg zurück in die Stadtgalerie Kiel, um seine „Koffermauer/Klagemauer“ wieder aufzubauen. „Was war, was kommt, was bleibt?“ lautete der nachdenkliche Titel der Austellung. Quelle: Foto: Axel Nickolaus
Kiel

Ende der Siebzigerjahre: Raffael Rheinsberg gießt als Protest gegen den Giftskandal von Seveso heißen Teer auf die Stufen der Kieler Kunsthalle, teert und federt wenig später einen VW-Standard vor einer Galerie in der Lornsenstraße und verstellt mit seiner Koffermauer/Klagemauer den Alten Markt. Er war Spurensucher, Aktionskünstler, Sammler, Bewahrer und hartnäckiger Mahner. Immer wieder musste Raffael Rheinsberg hören, er mache Arbeiten über die Vergangenheit. Und immer wieder musste er widersprechen. „Ich mache Arbeiten zur Zeit“, sagte er denen, die seine Installationen auf melancholische Beschwörungen des Gestrigen reduzieren wollten. Das Handfeste, das Greifbare zog ihn an, aber zur Kunst kam er nicht auf direktem Weg. 1943 in Kiel geboren, aus einfachen Verhältnissen stammend, trat er 1958 eine Lehrstelle bei der MaK als Former und Gießer an. Seine „Arbeitervergangenheit“ hat Rheinsberg nie verleugnet. Im Gegenteil, sie war elementarer Teil seines Selbstverständnisses als Künstler. Maloche hieß deshalb 1988 die Ausstellung in der Stadtgalerie im Sophienhof unter der Ägide des damaligen Direktors Knut Nievers. Auch wenn sich Rheinsbergs Arbeit als Konzeptkkünstler vom Handwerklichen entfernt habe, schreibt Knut Nievers im Katalog, so suche er immer wieder die Plastizität.

 Sein Material fand er an verlassenen Orten, an Produktionsstätten, die aufgelassen waren, weil neue Technologien oder gesellschaftliche Umbrüche sie ins Abseits gestellt hatten. Rheinsbergs Orte waren die Auslaufmodelle wie russische Kasernen, Hallen der Schwerindustrie, Werften oder die Straßen von Ost-Berlin. Unter dem Titel Gebrochen Deutsch fügte er die zerstörten und unlesbar gemachten Straßenschilder zu einer Installation, die so einfach wie kraftvoll die Risse und Bruchstellen der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte ausweist. Die Arbeit, seit 1994 im Besitz der Kieler Kunsthalle, war jüngst Zentrum der Sammlungsneupräsentation.

 Immer wieder faszinierte Rheinsbergs intuitive Gabe, die Dinge sprechen zu lassen. Und man verstand seine Sprache ohne Umwege. Durch Reihung, durch sorgfältig austariertes Auslegen im Raum, durch die ordnende Hand des Künstlers konnten die Dinge über sich hinausweisen. Mehr sein als bloße Sicheln, Schaufelblätter, als Maschinenteile, Schuhe, als Zangen oder Formziegel. Kiels ehemaliger Kunsthallendirektor Jens Christian Jensen erkannte diese Stärke schon, als viele in der eatblierten Szene noch die Nase über den Querulanten rümpften, der den zum Abriss verurteilten Sophienhof kurzerhand zum „Museum Sophienblatt“ erklärte und Kiel damit eines der aufregendsten Kapitel seiner jüngeren Kunstgeschichte bescherte.

 Ein Landesstipendium für das Künstlerhaus Bethanien machte dann den Absprung möglich und bereitete den Weg für eine internationale Karriere. Rheinsberg wurde Teil der Berliner Szene und bezog später ein Atelier im Wedding, wo ihm eine Fabriketage Raum gab für seine Materialsammlungen, seinen künstlerischen Rohstoff. Mit Kiel, mit Kunsthalle, Stadtgalerie und der Galerie Nemo in Eckernförde blieb er aber immer verbunden. – Die wohl wichtigste Arbeit des Künstlers, die Koffermauer-Klagemauer von 1976/78 befindet sich als Leihgabe der Kulturstiftung im Besitz der Stadtgalerie Kiel. Direktor Wolfgang Zeigerer zeigte sich gestern tief erschüttert von der Nachricht: „Er war nicht nur der Spurensicherer, sondern vermochte es, aus dem Gefundenen großartige künstlerische Bilder zu schaffen, die uns nicht mehr losließen.“

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