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Kultur Der Soulmann: Gitarrist Steven Van Zandt über sein neues Album
Nachrichten Kultur Der Soulmann: Gitarrist Steven Van Zandt über sein neues Album
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10:00 25.11.2018
„Meine Helden stammen alle aus den Fünfzigern und Sechzigern“: Mit seinen aktuellen Soloalben „Soulfire“ und „Soulfire live!“ huldigt Steven Van Zandt seinen Rock-’n’-Soul-Idolen. Quelle: PHOTOPQR/NICE MATIN

Lehrer haben bei Ihren Konzerten freien Eintritt. Warum?

Ich möchte mich bei den Lehrern bedanken. Ihre Arbeit wird schlecht bezahlt und nicht genug geschätzt. Ich lade sie nicht nur zu meinen Konzerten ein, sondern auch zu einem Workshop zwischen Soundcheck und Show, und ich gebe ihnen Unterrichtsmaterial zur Popmusikgeschichte an die Hand. Ich hoffe, es hilft ihnen dabei, mit ihren Schülern zu kommunizieren.

Ist das nötig?

Wir sind, glaube ich, mit dem zweitgrößten Generationenkonflikt in der Geschichte konfrontiert, ausgelöst durch die technologische Revolution. Junge Leute sind heute in einer für uns Ältere beängstigenden Art und Weise an den sofortigen Zugriff auf Informationen gewöhnt. Für Lehrer ist es eine große Herausforderung, die Aufmerksamkeit ihrer Schüler zu erlangen, sie zu motivieren, sie zu inspirieren. Musik kann da helfen, weil Kinder Musik lieben. Früher hat Rock ’n’ Roll die Generationen getrennt, heute kann er sie verbinden. Warum also sollte man Musik nicht als Grundlage für ein Gespräch nutzen?

Zu Ihren eigenen Lehrern hatten Sie früher kein so inniges Verhältnis …

An der Highschool war ich unter 3000 Schülern der einzige mit langen Haaren. Ich flog deshalb von der Schule, und mein Vater warf mich aus dem Haus. Wegen meiner Mutter, die zwischen den Stühlen saß, schnitt ich meine Haare ab, kehrte nach Hause und in die Schule zurück.

Sie beschrieben sich und ihren Kumpel Bruce Springsteen mal als „komplette Freaks, Außenseiter, Ausgestoßene“. Rock ’n’ Roll war Ihre letzte Chance.

Wir waren sehr glücklich, als Rock’n’Roll daherkam. Ich wüsste nicht, was sonst aus uns geworden wäre. Noch heute ist alles, was ich mache, Rock’n’Roll-verwandt.

Was faszinierte Sie am Rock ’n’ Roll?

Rock ’n’ Roll verwandelte sich damals gerade in einen Lifestyle. Das lockte mich an. Ich war nicht am Showbusiness interessiert, wirklich nicht, sondern am Rock ’n’ Roll als Religion, als Möglichkeit, mit der Welt Kontakt aufzunehmen, meine Existenz zu legitimieren, einen Sinn zu finden. Mir ging es nicht darum, im Rampenlicht zu stehen. Die Band stand für mich für Familie, für Freundschaft, für das Team. Studium, Job, Militär, der normale Weg, waren für mich undenkbar.

Fühlen Sie sich noch immer als Außenseiter?

Oh yeah, yeah, yeah. In gewisser Weise ja. Ich habe ein wundervolles Leben, trotzdem bin ich häufig frus­triert, denn 90 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit geschäftlichen Dingen und versuche, Geld aufzutreiben. Ich habe 100 Ideen, die ich nicht verwirkliche, weil ich sie nicht finanzieren kann. Alles, was kein kreativer Prozess ist, ist für mich Zeitverschwendung. Ich spreche nicht die Sprache der Geldleute, ich bete Geld nicht an, ich reagiere allergisch auf Geld. Ein Künstler braucht einen Geschäftsmann an seiner Seite, das ist eine existenzielle Hochzeit. Ich habe diesen Geschäftsmann, der meine Arbeit verkauft, nie gefunden.

Little Steven, so sein Bühnenname, ist Mitglied von Bruce Springsteens E Street Band. Die beiden kennen sich seit Mitte der Sechziger, sind wie Blutsbrüder. Quelle: Imago

Können Sie das Geschäftliche irgendwie ausblenden?

Das Einzige, was mich interessiert, ist der kreative Prozess, etwas Bedeutsames zu schreiben oder zu produzieren, etwas, das unser Leben bereichert, das das Leben ein Prozent besser macht.

Sind Sie deshalb aus der E Street Band ausgestiegen: weil Sie selbst kreativ sein wollten, Ihr eigenes Auto steuern, anstatt auf Springsteens Beifahrersitz zu hocken?

Ich hatte mich in Politik verbohrt und fühlte, dass es mein Schicksal sei, diese Besessenheit auszuleben. Ich verließ die E Street Band 1982, nachdem ich einen Großteil von „Born in the USA“ produziert hatte. Ehe das Album 1984 herauskam, hatte ich selbst schon zwei Soloalben veröffentlicht.

War Ihnen Politik vorher egal?

Ich war 30, 31 Jahre alt und hatte über nichts anderes nachgedacht als über Rock ’n’ Roll und flachgelegt zu werden. Das war mein Leben, in dieser Reihenfolge. Ich hatte keine Ahnung, wo mein Platz in der Welt ist. Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, Amerikaner zu sein, bevor ich die USA das erste Mal verließ. Auf der „The River“-Tour fragte mich in Deutschland ein Typ: „Warum stellt ihr Raketen in meinem Land auf?“ Ich antwortete: „Ich stelle keine Raketen auf. I’m a fucking guitar player.“ Dieser Zwischenfall beschäftigte mich wochenlang, bis es mir dämmerte: Oh, mein Gott, ich bin Amerikaner. Ich fragte mich: Wofür bin ich verantwortlich? Die Antwort war ziemlich schockierend, denn Amerika stand nicht immer auf der richtigen Seite. Ich entschied mich deshalb, künftig ein politischer Typ zu sein.

Warum ist „Soulfire“, Ihr aktuelles Album, keine Protestplatte? Ausgerechnet jetzt, in Trump-Zeiten, huldigen Sie dem Sound Ihrer Jugend – und beziehen keine Stellung.

„Soulfire“ ist das erste Album in meiner Karriere, das sich auf die Musik stützt, nicht auf politische Inhalte, das erste Album, das mich als Songwriter, Sänger, Gitarristen, Arrangeur und Produzenten zeigt, das erste Album, das mich als Künstler vorstellt und nicht als Begleitmusiker. Darum geht es, das Album soll mich vorstellen. Und es ist der perfekte Moment dafür. Ein Protestalbum aufzunehmen ist zurzeit überflüssig, denn unter Trump gibt es keine versteckten, geheimen Machenschaften wie unter Reagan in den Achtzigern. Reagan war ein Trickser und Täuscher. Trump dagegen will gar nicht vertuschen, dass er Kinder an der mexikanisch-amerikanischen Grenze von ihren Eltern trennt. Im Gegenteil: Er ist sogar noch stolz darauf.

Was kann man tun?

Durch das Erstarken der Nationalisten sind wir in großen Schwierigkeiten, nicht nur in den USA, auch in Europa. Alle Bestrebungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg unternommen wurden, um die Welt zu einen, sind gestoppt. Zugegeben, wir alle haben Vorurteile, aber zivilisierte Menschen unterdrücken ihre Vorurteile. Doch jetzt scheint es wieder gesellschaftsfähig zu werden, voreingenommen zu sein: Man lässt einfach den ganzen Hass raus und gibt anderen die Schuld für die eigenen Probleme. Diese Haltung hat zum Riss geführt. In den USA sind wir auf dem besten Weg zu einem neuen Bürgerkrieg. Meine Botschaft ist: Lass uns doch eine gemeinsame Basis finden. Das kann Musik sein. Musik kann Menschen zusammenführen, obwohl uns Politiker auseinanderbringen wollen. Daran glaube ich noch immer.

Steven van Zandt im Jahr 2017 mit seiner Begleitband „The Disciples of Soul“ bei einem Konzert in der Leipziger Parkbühne. Quelle: Thomas Kube

Zur Person: Steven Van Zandt gilt neben Bruce Springsteen und Southside Johnny als Mitbegründer des Jersey-Shore-Sounds, einem Mix aus Rock ’n’ Roll und Soul.

Der 67-jährige Gitarrist ist Mitglied von Springsteens E Street Band. Während einer Auszeit ab Mitte der Achtziger widmete er sich eigenen Projekten, nahm eine Reihe von Soloalben auf und protestierte mit seinem Projekt Artists United Against Apartheid gegen die Unterdrückung der Schwarzen in Südafrika.

Als Schauspieler wirkte er in zwei preisgekrönten Mafiaserien mit: In „The Sopranos“ spielte er den Stripclubbesitzer Silvio Dante, in „Lilyhammer“ einen New Yorker Gangster im norwegischen Exil.

Von Mathias Begalke

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