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Der Sound des Jahres

Jubel für die Elbphilharmonie Der Sound des Jahres

Mit der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie im Januar hat ein neues Zeitalter der Klassik begonnen. So startete das Kulturjahr 2017 gleich mit einem Höhepunkt. Die Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.

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Ein Konzertsaal, der begeistert: Eine Möwe fliegt in Hamburg über der Elbe vor der Elbphilharmonie.

Quelle: dpa

Hamburg. Erst der Kater, jetzt der Rausch: Nach dem langen Ärger um den Bau der Elbphilharmonie hat der Konzertsaal seit der Eröffnung am 11. Januar eine Entwicklung genommen, die auch höchste Erwartungen übertroffen hat. Tickets für die Konzerte sind über die erste Neugier auf den Neubau hinaus heiß begehrt. Bei manchen Konzerten, sagt Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter, übersteige die Nachfrage das Platzangebot noch immer um mehr als das 20-Fache.

Unter all den Herausforderungen, die ein erstes Betriebsjahr mit mehr als 650 Veranstaltungen für ihn und sein Team bringt, gehören eine reibungslose und gerechte Organisation des Kartenverkaufs und die Bekämpfung des Schwarzmarktes inzwischen zu den größten. Der scheinbar unstillbare Hunger auf Karten geht einher mit einem bemerkenswerten Stimmungswandel: Gleichsam über Nacht hat sich die Elbphilharmonie vom Synonym für allgemeine Unfähigkeit von Behörden und Planern, vom Symbol für das Versagen eines Landes, das seine Baustellen nicht mehr schließen kann, in das Gegenteil verwandelt: in einen strahlend schönen Konzertsaal für das 21. Jahrhundert, in ein Vorbild für die Architektur und die Gesellschaft der Zukunft.

Die Superlative, mit denen der Bau gelobt wird, der eben noch Blamage war, können seither nicht groß genug sein. Natürlich seien 750 Millionen Euro Baukosten zu teuer gewesen, ist gerade noch zu hören. Aber am Ende habe es sich doch gelohnt.

Chefdirigent Thomas Hengelbrock nach dem Eröffnungskonzert, inzwischen hat er sein vorzeitiges Ausscheiden bekannt gegeben

Chefdirigent Thomas Hengelbrock nach dem Eröffnungskonzert, inzwischen hat er sein vorzeitiges Ausscheiden bekannt gegeben.

Quelle: dpa

Da ist es kaum erstaunlich, dass diese Eröffnung viel mehr ist als die Aufnahme des Spielbetriebs in einem neuen Saal. Das öffentliche Interesse an der spektakulären Form hat auch den Inhalt einer Philharmonie ins Rampenlicht gerückt. Die Frage etwa, wie die aufwendig hergestellte Akustik des Saales ausgefallen sei, wie die schöne Elphi denn nun klinge, war zu Beginn des Jahres Straßengespräch. Von der Physik zur Musik ist es da nur ein kleiner Schritt.

Erleben lässt sich das etwa in der Laeiszhalle, dem traditionellen Hamburger Konzertsaal. Zu den vielen Einwänden gegen die Elbphilharmonie gehörte vor der Eröffnung, nicht einmal die Laeiszhalle sei regelmäßig ausverkauft, für einen zusätzlichen Saal gebe es also keinen Bedarf. Doch nun, da der Andrang an den Kassen der Elbphilharmonie diesen Einwand beeindruckend ausgeräumt hat, erlebt auch der alte Saal eine neue Blüte: So viele Menschen wie in diesem Jahr haben dort noch nie Konzerte besucht. Altehrwürdige Abonnement-Reihen verzeichnen ungeahnte Zuwächse, und auch der Einzelverkauf brummt.

Weit über Hamburg hinaus scheint die Elbphilharmonie einen Klassik-Boom ausgelöst oder zumindest deutlich verstärkt zu haben, was mancherorts schon zuvor zart begonnen hatte. Veranstalter wie die Konzertdirektion Goette, die außer der Elbphilharmonie auch viele weitere Konzertsäle etwa in Hannover und Bremen regelmäßig bespielt, berichten von allerorten steigender Nachfrage bei ihren Veranstaltungen. Und bei den großen Rundfunk- und Staatsorchestern werden die Plätze in den Sinfoniekonzerten zunehmend knapper. Die zuletzt so oft für tot erklärte Klassik scheint mit der Eröffnung der Elbphilharmonie schlagartig wiederbelebt.

Ein Saal für alle – und alle Stile

Dazu passt das vom Hamburger Senat vorgegebene Ziel, der Neubau möge ein “Haus für alle“ sein, das sich ein breites Publikum erschließt. Tatsächlich scheint der lichte Saal mit seinen Zuschauerrängen, die die Bühne nach allen Seiten ansteigend umgebenden, nach einem stilistisch weiten Programm zu verlangen. Er ist kein Klassiktempel, der nur Bach, Beethoven und Brahms in Goldrahmen fasst. Im Gegenteil haben es gerade Orchester mit klassisch-romantischem Repertoire in der kristallinen Akustik des großen Saals, die für viele Stile sehr vorteilhaft ist, etwas schwerer als in anderen berühmten Konzerthäusern.

Simon Rattle, scheidender Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, gab nach seinem ersten Auftritt eine Art Gebrauchsanweisung für den Saal zu Protokoll: Die Noten bräuchten hier eine “sehr bestimmte Gestaltung“, sagte er in einem Interview, nämlich “einen leicht unnatürlichen, langen, runden Abschluss“. Einige seiner Kollegen, die nicht so schnell ein Rezept gefunden haben, bekamen dann auch Probleme, den Saal zum Klingen zu bringen. Die Akustik ist hier einzigartig wie die Architektur: Man muss in manchen Bereichen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Die Akustik des großen Saals der Elbphilharmonie ist so einzigartig wie die Architektur

Die Akustik des großen Saals der Elbphilharmonie ist so einzigartig wie die Architektur: Die Künstler müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Quelle: dpa

Mit seinem besonderen Klang und seiner besonderen Atmosphäre kann der große Saal wie ein Zauberspiegel wirken, der mit geheimnisvoller Bedeutung, mit Kraft und Klarheit auflädt, was sich in ihm spiegelt: Wer nie erlebt hat, dass Neue Musik mehr sein kann als sonderbares Geräusch, wird hier ebenso eines Besseren belehrt wie der, der von einer Punkband nur hirnlosen Lärm erwartet. Die Elbphilharmonie ist mit ihrer besonderen, offenkundig geglückten Form ein Transformationsraum, in dem Musik die Last von Geschichte und Vorurteilen ablegen und neue Wirkung entfalten kann.

Natürlich braucht man dafür Künstler aller Couleur, deren Musik genug Potenzial für solche Entfaltung hat. Nach Misstönen in der Planungsphase haben das hauseigene Team um Intendant Lieben-Seutter, das NDR Elbphilharmonie Orchester, das als Residenzensemble fabelhafte Vorrechte im Neubau genießt, das Staatsorchester sowie mehrere private Veranstalter nun gemeinsam ein Programm zusammengestellt, das dem Saal an Quantität und Qualität durchaus gerecht wird.

Im Rausch des ersten Jahres erscheint das zwar kaum bemerkenswert. Den Kater danach aber braucht man so nicht zu fürchten. Und der Ausnahmezustand in der Elbphilharmonie wird wohl ohnehin noch eine Weile anhalten: “Normalität“, sagt zumindest ihr Intendant, “ist ein seltsamer Begriff in Bezug auf dieses außergewöhnliche Haus.“

Von Stefan Arndt

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