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Kultur Distanz als Mittel der Annäherung
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00:43 05.09.2014
Von Jörg Meyer
„Umarmt von den Hochhäusern Mettenhofs“: Regisseur Christian Mertens am Ort, wo er aufwuchs und sich jetzt für seine Filmtrilogie „von ihm die Geschichten erzählen lässt“. Quelle: Lorenz Müller

2007 schloss Mertens sein Regiestudium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg mit Auszeichnung ab. Jetzt ist er wieder öfter in Mettenhof, wo er aufwuchs, zu Recherche- und Dreharbeiten für eine Trilogie über den Stadtteil und seine Menschen. Wie wichtig der Kieler Stadtteil Mettenhof für seine eigene künstlerische Entwicklung war, erfuhr Mertens bei der Produktion seines 50-minütigen Künstlerporträts Peter Nagel, das im Herbst/Winter Premiere feiern wird. Ausgangspunkt dafür war ein Deckengemälde Nagels in der Aula des Bildungszentrums Mettenhof (BZM). „Das war gleichermaßen Angst einflößend, fantastisch und imponierend, wie es den Raum aus der Fläche heraus neu schuf“, erinnert sich Mertens an den täglichen Blick nach oben beim Betreten seiner Schule. Vor zwei Jahren wollte er wissen, welche Künstlerpersönlichkeit dahintersteht, nahm Kontakt zu Peter Nagel auf und verfolgte dessen künstlerischen Werdegang – wie auch den eigenen.

 „Es gibt Ähnlichkeiten zwischen meiner und Nagels Kunstauffassung“, hat Mertens beobachtet. „Nagel ermöglicht den ersten Schritt, auf seine Bilder zuzugehen, sehr offen, behält dann aber etwas für sich. Denn was in den Bildern drin steckt, ist nicht was er darüber erzählt, das muss man als Betrachter – wie wohl bei aller Kunst – selbst erfahren.“ Auch Mertens will in seinen Filmen „etwas zurückbehalten, die Tür wird gezeigt, aber sie bleibt zu“.

 Solche „Wahrung der Distanz“ sei „das beste Mittel der Annäherung“, und so ist es für Mertens kein Manko, sondern Zeichen des Gelingens, dass „der Film nicht zum Kern von Nagels Werk vorgedrungen ist“. Auch beim Dreh in nur fünf über das letzte Jahr verstreuten Tagen bewahrte sich Mertens diese „Unschuld oder auch Naivität, immer bei Null anzufangen“. Zwar wollte Nagel ihm oft Vorschläge machen und war sehr neugierig, wohin der Film sich entwickelte, „aber ich wollte meine künstlerische Unabhängigkeit und meinen eigenen Blick bewahren, was er dann auch sehr gut verstand“, erzählt der Regisseur über die Begegnung mit dem Maler und dessen Kollegen aus der Anfang der 60er Jahre gegründeten Gruppe Zebra. In Opposition zur damals vorherrschenden abstrakten Malerei verschrieb diese sich einem „neuen Realismus“, der dennoch tiefgründig symbolisch ist, ohne dies allzu offensichtlich zu machen.

 Ein Modus, der auch in Mertens’ preisgekrönten Musikvideos mitschwingt: „Das Einklinken in die Stimmungswelt eines anderen Kunstwerks, ohne diese zu verraten, sondern ihr Geheimnis zu bewahren.“ Und auch der Modus, mit dem sich Mertens dieser Tage durch seine ehemalige Heimat Mettenhof bewegt, um Figuren und Schauplätze für den zweiten Teil der Mettenhof-Trilogie zu suchen, einen Spielfilm (Stoffentwicklungsförderung von der Filmwerkstatt Kiel) über einen „hochbegabten Jugendlichen in nicht intellektueller Umgebung“, in der zu sich zu finden, einiges Konfliktpotenzial birgt.

 Autobiografisch? „Schon“, sagt Mertens, „aber als Regisseur ist es eine Falle, die eigene Biografie zu ernst zu nehmen“, daher allenfalls im Sinne oben zitierter „Annäherung durch Distanz“. Eine Lebens- und Wahrnehmungsform, die man als in Mettenhof Aufgewachsener „mit der Muttermilch eingesogen“ habe: „Interessant wird es, wo die Widerstände sind, am Gegenwind wird man stark“, erinnert sich Mertens – oder doch schon seine Figur?

 Noch aber bewegt sich Mertens mit der Fotokamera auf Spurensuche durch Mettenhof, um „den Ort die Geschichte erzählen und sich von ihm beschenken zu lassen“. Und führt Recherche-Interviews mit Mettenhofer Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft, die er im Nagel-Projekt kennenlernte, mit Polizisten über deren Arbeit an einem so genannten „sozialen Brennpunkt“ – und mit einer Hebamme über die Bedingungen, unter denen Kinder in diese ganz eigene Welt geboren werden. Letzteres ist dann schon Material für den womöglich dritten Film, inspiriert von einem Kieler Stadtteil, dem sich Mertens filmisch umso besser nähern kann, als er dort herkommt, aber auch mal weg gewesen ist.

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