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Kultur Hoffmann mit neuen Augen gesehen
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11:56 04.12.2018
Von Jürgen Gahre
Die vielseitige Sopranistin Cristina Pasaroiu - hier als Olympia mit dem Chor der Deutschen Oper. Quelle: Bettina Stoess
Berlin

Die Wohlwollenden haben ihm Genie und Voltaire‘schen Geist attestiert, böse Zungen aber haben ihn Spottdrossel, gewerblichen Spaßmacher oder gar den großen Sittenverderber genannt, und Richard Wagner witterte, kaum zu glauben, „Misthaufenmief“ in seiner Musik. Die Rede ist von Jacques Offenbach, der dem Zweiten Kaiserreich einen gnadenlosen Spiegel vorhielt, seine Kritik jedoch in schmissige Rhythmen und Melodien einkleidete. Am Ende seines Lebens aber wollte er sich befreien von seinem Image als Spaßvogel, wollte endlich in den Rang eines ernsthaften Komponisten aufsteigen und schrieb eine Oper, deren Sujet ihn schon seit vielen Jahren begeistert hatte: „Les Contes d‘Hoffmann“ / Hoffmanns Erzählungen.

Vollständig ohne "Spiegelarie"

   Da er jedoch vor Vollendung der Partitur starb, hat es viele Versuche gegeben, eine Version zu finden, die den Absichten und dem Geist des Komponisten am nächsten kommt. Darüber aber lässt sich natürlich trefflich streiten und so verwundert es nicht, dass in fast jede Inszenierung Dirigent und Regisseur eigene Wege gehen.  Dirigent Enrique Mazzola: „Die Version ist sicher die bis dato vollständigste Fassung der Oper, die dem, was Offenbach vermutlich vorschwebte, näher kommt als alle vorigen.“ Hier ist man, neben vielen anderen Abweichungen, zu den gesprochenen Dialogen in französischer Sprache zurückgekehrt und hat auch auf die zwar sehr schöne, aber eben nicht für diese Oper komponierte Spiegelarie verzichtet.

Pellys Inszenierung überzeugt auch in Berlin

   Es ist zweifellos ein Gewinn, dass Laurent Pellys hochgepriesene Inszenierung nun auch in Berlin zu sehen ist. Dies oft in überbordend luxuriöser Ausstattung präsentierte Werk in einer auf das Wesentliche reduzierten Version zu sehen, eröffnet neue Wege zum Verständnis dieser ewig rätselhaften Opéra fantastique. Der ständige Wechsel der Perspektiven, das Problem der Identität, das Unheimliche von Ambivalenzen, die Verwischung der Grenzen zwischen Fiktion und Realität – das alles sieht man in dieser Produktion des Hoffmann mit neuen Augen. Die Mehrdeutigkeiten sind bei Laurent Pelly und seinem Bühnenbildner Chantal Thomas oft auch beängstigend, weil sich neben dem Vertrauten jähe Abgründe auftun, weil Gelächter manchmal nahtlos in Entsetzen übergeht.

Wackelkandidat Tenor, Glücksfall Sopran

   Es ist bedauerlich, dass der schwedische Tenor Daniel Johansson gesanglich der Titelpartie einiges schuldig bleibt, darstellerisch aber macht er das mehr als wett durch seine melancholische, traurige, die eigene Tragik geradezu genießende Art. Wenn man über eine Sängerin verfügt, die die schwierigen und so unterschiedlichen Rollen der Stella, Olympia, Antonia und Giulietta singen kann, dann ist das ein ausgesprochener Glücksfall. Die rumänische Sopranistin Cristina Pasaroiu ist ein solcher Glücksfall! Sie meistert diese vier Partien mit atemberaubender Souveränität. Alex Esposito tritt ebenfalls in vier Rollen auf, als Lindolf, Coppélius, Miracle und Dapertutto. Sein schwarzer Bass ist von durchschlagender Dramatik und lässt die vier Figuren immer wieder in unheimlichem, geradezu diabolischem Licht erscheinen.

Elegantes Dirigat

   Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin sind bei Enrique Mazzola in besten Händen. Sein elegantes Dirigat verbindet Leichtes mit Tiefgründigem, bedient die Oberfläche ebenso souverän wie das Unheimliche und Tragische. Das Premierenpublikum war begeistert und spendete langen Beifall.

www.deutscheoperberlin.de

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