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Kultur Koloratur in Eurohöschen
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17:48 18.06.2018
Von Jürgen Gahre
Irre Typen, irre Koloraturen: Das entfesselte Ensemble von "Il viaggio a Reims". Quelle: Thomas Aurin
Berlin

Karl X. soll zum „König von Frankreich“ in Reims gekrönt werden. Aber in Ermangelung an Pferden und Kutschen sitzen sie plötzlich alle wider Willen fest im Kurhotel „Zur goldenen Lilie“ und müssen nun sehen, wie sie sich die Zeit des Wartens vertreiben, mit selbst organisierten Festen, allerlei Liebeleien und Eifersüchteleien. Vielleicht ergibt sich ja doch noch eine Reisemöglichkeit ...

Rossini nannte seine Oper "Die Reise nach Reims", obwohl niemand je in Reims ankommt. Der paradoxe Titel der Oper, die man auch „Sechzehn Personen auf der Suche nach einer Handlung“ nennen könnte, findet seine groteske Entsprechung in dem, was auf der Bühne geschieht: absurder Stillstand! Die ausgedehnte, nur von einer Harfe begleitete Lobeshymne auf Karl X., der bei der Premiere 1825 natürlich anwesend war, ist ebenso virtuos wie auch hübsch hohl – zu viel Lob kann halt leicht in das Gegenteil umschlagen. Und so wird aus dem schönen Gesang eine kaum versteckte Kritik an dem durch und durch reaktionären Monarchen, der von sich allen Ernstes behauptete: „Ich würde lieber Holz hacken als ein König unter den Bedingungen des Königs von England zu sein.“

Die Deutsche Oper Berlin hat, so scheint es, nach der erfolgreichen Comic-Version in Kiel und Lübeck auch keine Kosten gescheut für die letzte Neuinszenierung in dieser Saison. Der Regisseur Jan Bosse hat sich von seinem Bühnenbildner Stéphane Laimé einen prunkvollen Spiegelsaal bauen lassen, der die Torheiten und Eitelkeiten der Menschen vielfach reflektiert und, da auch die Decke verspiegelt ist, in verzerrter Form kommentiert. Ist das, was wir sehen, ein Sanatorium, eine Kurklinik à la „Zauberberg“ von Thomas Mann, eine Reha in einem luxuriösen Badeort oder gar, wie Bosse selbst sagt, ein Asyl für „todmüde Europäer“? In den rechts und links des Schlafsaals stehenden Betten geht es jedenfalls recht munter zu, und wenn dann zwei Menschen endlich zueinander gefunden haben, dann lieben sie sich, recht ausgiebig und passend zur Musik, unter einem großen weißen Bettlaken. Aber auch Scheinkranke sind in diesem Saal, Frauen fallen in Ohnmacht, ein Mann hängt am Tropf, und der Arzt gebärdet sich wichtigtuerisch. Was für ein vergnügliches, buntes Durcheinander! Einer der Höhepunkte des stets steigerbaren Wirrwarrs ist der Auftritt der Gäste mit Hosen und Röcken in ihren Nationalflaggen. Wenn dann aber die Klamotten fallen, tragen plötzlich alle blaue Eurohöschen, auch der verdutzte Engländer. Ein köstlicher, stürmisch beklatschter Gag!

   „Die Reise nach Reims“, Rossinis brillante Visitenkarte für Frankreich, bordet über von genialen, mitreißenden musikalischen Einfällen, die bei dem jungen Dirigenten Giacomo Sagripanti und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin in bestens aufgehoben sind. Mit leichter Hand animiert er die Musiker und Sänger zu Höchstleistungen, verzaubert das Publikum mit einer geradezu ansteckenden Champagnerlaune und gibt den Rossini'schen Rouladen einen unwiderstehlichen Drive. Den großen Ensembles bekommt das besonders gut.

   Auch den sechzehn Sängern gebührt hohes Lob, besonders aber der Sopranistin Elena Tsallagova, die als römische Dichterin Corinna erhaben über den alltäglichen Streitereien und Liebeleien der Kurgäste zu schweben scheint – sie ist es ja auch, die auserwählt ist, das Loblied auf den neuen König zu singen. Die Sopranistin Siobhan Stagg hat ihren großen Auftritt als überkandidelte Contessa di Folleville, die aus ihren Kleiderproblemen eine skurrile Tragödie macht und dann ebenso verrückt spielt, wenn die Angelegenheit von ihrer Dienerin Modestina (Meechot Marrero) wieder in Ordnung gebracht wird. Die patente Madama Cortese, die Besitzerin des Hotels, findet in der Koloratursopranistin Hulkar Sabirova eine quirlige, liebenswerte Interpretin, und Gideon Poppe kann der Rolle des Cavaliere Belfiore Witz und Charme abgewinnen.

   Das Premierenpublikum spendete dieser ebenso geistreichen wie raffiniert ausgeflippten Aufführung langen und herzlichen Beifall und sparte auch nicht mit Bühnenapplaus. Dass es dezente Parallelen zu politischen Verhältnissen unserer Gegenwart gibt, wusste man besonders zu schätzen.

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