Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Falscher Verrat: Gefühle in schwerer See
Nachrichten Kultur Falscher Verrat: Gefühle in schwerer See
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:35 04.11.2018
Drei Hauptfiguren in Liebe und Eifersucht aneinander zweifelnd: Lola (Agnieszka Hauzer) mit dem Heizer Gabriel (Michael Müller Kasztelan) und Korvettenkapitän Arno von Stahl (Tomohiro Takada, re.). Quelle: Olaf Struck
Kiel

In den hohen Registern des Orchesters schäumt und peitscht die Gischt, tief unten dröhnt und bebt der Stahlkoloss des Großkampfschiffes Helgoland. Generalmusikdirektor Georg Fritzsch und die Philharmoniker gehen volle Kraft voraus, um das neue Operndrama zum wachsenden Kieler Stolz auf den epochemachenden Matrosenaufstand von 1918 emotionale Kraft zu verleihen.

Raubeinige Matrosenschicksale

Der Norditaliener Tutino findet angesichts raubeiniger Matrosenschicksale zu einer herben Marine-Musiksprache, die eigentlich nur in den etwas weinerlichen Arienabschnitten an Eindringlichkeit verliert. Der Komponist konnte seine angstbesetzt düsteren Wogen ganz aus dem sehr geschickt gebastelten Libretto von Luca Rossi und Wolfgang Haendeler entwickeln. In operntypisch gestelzter Künstlichkeit der Sprache schichten sich hier Verrätereien an vielen, an einzelnen und vor allem an den eigenen Idealen als Impulsgeber der Novemberrevolution.

Atmosphärische Inszenierung

Der Regisseur Daniel Karasek folgt den deutschsprachigen Vorgaben penibel genau und hat mit seinem Team (Bühne: Lars Peter; Kostüme: Claudia Spielmann; Licht: George Tellos) dazu stimmungsvoll Atmosphäre geschaffen. Wie in einem herbstlich vernebelten Dokumentarfilm werden die handelnden Typen sehr plastisch charakterisiert.

Starke Sängerleistungen

Der junge Heizer Gabriel Jensen, den Michael Müller-Kasztelan mit oft inbrünstig hochfliegendem Tenor rüstet, fordert seinen Vorgesetzten Arno von Stahl aufs Äußerste heraus: Tomohiro Takada zeigt mit kraftvoll strömendem Bariton anrührend, wie der Kapitän zwischen Zweifel und Treue zerrieben wird.

Leitfigur Lola

Trotz anrüchiger Profession als Prostituierte geht von Lola ein ehrlich liebesfähiges Leuchten aus, das zwar die beiden Männer verbrennt wie die Motten das Licht, aber ihre entsprechend verblendeten Entscheidungen glaubhaft werden lässt. Agnieszka Hauzer zündet dazu ihren jugendlich-dramatischen Sopran.

Interessante Figur Elsa

Neben Admiral Kropp (Jörg Sabrowski) wird noch dessen Tochter Elsa zur interessanten Figur: Tatia Jibladze singschauspielert in ihr das Paradox einer Stummfilm-Diva mit viel Fricka-Stimme und Sprachausdruck herbei, die den fatalen Standesdünkel in der elitären Marineleitung greifbar macht.

www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die isländische Komödie "Gegen den Strom" (Kona fer í stríd) ist mit vier Auszeichnungen der große Gewinner der 60. Nordischen Filmtage Lübeck. Der Film nehme sich des ernsten Themas Umweltzerstörung an, aber mit Leichtigkeit und ohne es lächerlich zu machen, hieß es.

Ruth Bender 04.11.2018

Eine große Songwriterin, die lange auf der Suche war, bis ihr die Musik durch eine späte Begegnung nicht mehr wichtig wurde. Joni Mitchell wird am 7. November 75 Jahre alt.

04.11.2018

Die französisch-marokkanische Erfolgsautorin Leïla Slimani gibt Frauen der islamischen Welt eine Stimme und prangert verlogene Moralvorstellungen an – das Ergebnis ist nun auch als Graphic Novel in deutscher Sprache erschienen.

04.11.2018