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Fatale Aktualität

Bölls „Ansichten eines Clowns“ bei den Komödianten Fatale Aktualität

Der Geburtstag von Heinrich Böll (1917-1985) rundet sich in diesem Jahr zum 100. Mal. Für das Theater Die Komödianten ein willkommener Anlass, den Literaturnobelpreisträger von 1972 und bedeutenden Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit mit einer besonderen Produktion zu ehren.

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Mit Perücke und Clownsnase lässt Gastregisseur Christian Lugerth (re.) Schauspieler Ivan Dentler immer wieder in die Rolle von Hans Schniers Alter Ego schlüpfen.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Gastregisseur Christian Lugerth und Schauspieler Ivan Dentler haben den Roman „Ansichten eines Clowns“ in ein Monodrama überführt. „Das Projekt ist in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Schleswig-Holstein entstanden und wurde nach Abstimmung mit den Erben von René Böll autorisiert“, erzählt Petra Bolek, sichtbar stolz, dass man zur Premiere der im Jubiläumsjahr deutschlandweit ersten Inszenierung des Stoffes den Sohn des Autors erwartet.

 Der Roman, 1963 vollständig erschienen, löste bereits als Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung heftige Diskussionen aus. Der Rückblick des Protagonisten Hans Schnier auf seine gescheiterte Beziehung zu Marie, die als treue Katholikin nicht ohne Trauschein mit ihm leben will, sowie auf die Nazi-Vergangenheit seiner Eltern, die es in der jungen Bundesrepublik bruchlos zu Wohlstand und moralischem Ansehen brachten, wurde als Kritik an Kirche und Staat verstanden. „Das Repressive in der Religion bekommt heute wieder fatale Aktualität“, sagt Lugerth. Neben der Liebesgeschichte und der damit verbundenen Konfrontation mit dem Katholizismus sind die Verarbeitung des Nationalsozialismus durch die Nachfolgegeneration sowie die Rolle des freischaffenden Künstlers in der Gesellschaft Hauptthemen seiner Inszenierung. „Wie aktuell das Stück heute ist, muss jeder für sich selbst entscheiden“, so der Regisseur. Als „einen der ersten Aussteigerromane der jungen BRD“ bezeichnet er die Geschichte um den Unternehmersohn, der seiner vom Wirtschaftswunder geprägten Familie den Rücken kehrt, um als Komiker durch die Lande zu ziehen. Mit dem privaten Glück verlässt den 27-Jährigen auch sein beruflicher Erfolg – Alkohol wird zum Begleiter seines rasanten gesellschaftlichen Abstiegs. Gestrandet auf den Stufen des Bonner Hauptbahnhofs lässt er sein Leben Revue passieren, in dem diverse Personen eine Rolle spielen.

 Ivan Dentler lässt alle auf ganz unterschiedliche Weise zu Wort kommen. „In erster Linie wird die Geschichte erzählt, doch manchmal steigt Schnier auch in die Figuren hinein“, so der 33-Jährige, der mit seinem 5. Solo gleichzeitig seine 20. Produktion bei den Komödianten stemmt. Zwischen Erzähltheater und Method-Acting à la Strasberg beschreibt Lugerth Dentlers Spiel, der mit Perücke und Clownsnase immer wieder in die Rolle von Schniers Alter Ego fällt. „Ivan muss in Hans Schnier hineintauchen und beim Sprung zu den anderen Figuren verschiedene Spielformen mixen. Und immer wenn es für die Figur ans Eingemachte geht, kann der Clown heraushelfen.“ Um die Zeitsprünge in der Erzählung zu strukturieren, wird (auch) mit Einspielungen gearbeitet. „Für den Schauspieler eine echte Herausforderung“, weiß Christian Lugerth, „fast schon Hochleistungssport.“

 Theater Die Komödianten, Kiel, Wilhelminenstraße 43. Premiere am Donnestag, 9. Februar, 20 Uhr. Karten: Tel. 0431/553401. www.komoedianten.com

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