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18:47 18.04.2018
Von einem Verein zum nächsten: Der Trainer Nico Kovac. Quelle: dpa
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Berlin

Ob sich alle Beteiligten bewusst waren, dass sie mit ihrer Entscheidung für einen neuen Trainer des FC Bayern München einen Sturm auslösen würden, eine Debatte über den Wert der Wahrheit im Fußball? Ein Blick zurück: Am Vormittag des 12. April klingelt bei Niko Kovac das Telefon. Der 46-Jährige ist Trainer beim Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt. In den vergangenen zwei Jahren hat er aus einer grauen Maus ein Team geformt, das zur erweiterten Spitzengruppe der Liga gehört. Anrufer ist Hasan Salihamidzic, Sportdirektor beim FC Bayern, dem Branchenführer in Sachen Fußball in Deutschland. Salihamidzic hat mit Kovac einst bei den Bayern zusammengespielt. Man kennt sich.

Die Floskel „Stand jetzt“

Und Salihamidzic hat ein Anliegen. Der FC Bayern sucht nach einem Trainer für die nächste Saison. Vielleicht hat ja der Niko Lust? Hat er! Zudem eine Ausstiegsklausel. Was kümmern ihn seine nur wenige Tage alten Sätze, wonach er auch in der nächsten Saison „Stand jetzt“ Trainer in Frankfurt sei. Salihamidzic schickt direkt einen Vertragsentwurf. Kovac informiert seine Chefs in Frankfurt. Läuft. Ein Blitztransfer für einen der begehrtesten Jobs des Fußballs.

Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic jedoch pestet in Richtung der Bayern, nennt ihr Abwerbe-Vorgehen „extrem bedenklich und respektlos“. Bayern-Präsident Uli Hoeneß kontert, bezeichnet diese Vorwürfe seinerseits als „eine Schweinerei“.

Die an Aufgeregtheiten nicht arme Bundesliga hat ihre nächste Debatte. Ehre, Aufrichtigkeit und Loyalität – seit der Causa Kovac sind das einmal mehr die Werte von gestern im Fußball, die Werte der Herbergers, Seelers und anderer standhafter Ehrenmänner in baumwollenen Trikots und Trainingsanzügen, bei denen ein Handschlag unter Männern noch etwas galt.

Bei Entscheidungen liegen Lug und Trug eng beisammen

Heute wird stattdessen vorausgesetzt, dass bei Entscheidungen, die wie im Fall Kovac über die Stärkenverteilung der Bundesliga entscheiden können, Lug und Trug dazugehören. Hier lautet der Vorwurf, dass der Transfer, der den gebürtigen Berliner mit kroatischem Pass zum zweitwichtigsten Fußballtrainer in Deutschland nach Bundestrainer Joachim Löw aufsteigen lässt, niemals in dieser Geschwindigkeit hätte umgesetzt werden können. Der muss doch vorher angebahnt worden sein! Wem soll man überhaupt noch glauben, wenn es um Personalien im Fußball-Geschäft geht? Die Lügenliga – eine schöne Alliteration.

Es ist in der Tat nicht leicht, in einer Branche, die Versprechen, Ankündigungen und Schwüre gern durch ein eiliges „Stand jetzt“ abschwächt, an Loyalität zu glauben. Doch wie verwunderlich sind die Beleidigungen von Frankfurtern und Münchnern, wenn man sich vor Augen hält, unter welchem Druck dort Entscheidungen getroffen werden müssen? In München ist alles andere als Platz eins nicht akzeptabel. Ein leitender Angestellter hat keine Einarbeitungszeit, er muss sofort funktionieren. „Sie haben ja erlebt, dass auch Champions-League-Sieger scheitern können“, sagte Hoeneß unlängst mit Blick auf Kovacs Vorvorgänger Carlo Ancelotti. Dabei hatte der Italiener den FC Bayern zum Meistertitel geführt. Aber eben auch nicht zu mehr, was in München eindeutig zu wenig ist.

In Frankfurt dagegen geht nach dem Verlust des sportlich Verantwortlichen die Angst vor dem erneuten Sturz in die Bedeutungslosigkeit um. Unter der Regie von Kovac spielte die Eintracht über den Erwartungen. Wie wird das bloß mit einem neuen Trainer?

Hinter einem Posteninhaber wartet bereits sein potenzieller Nachfolger

Vordergründig ist Fußball ein Spiel, im Hintergrund werden Milliarden bewegt. Hinter einem Posteninhaber wartet bereits sein potenzieller Nachfolger – sei es auf dem Platz, an der Seitenlinie oder auf der Ebene der Funktionäre. Weil es viel Geld zu verdienen gibt, weil Prestige winkt. Das Besondere am Heuer-und-feuer-Paradies Profifußball: Das System speist sich weitgehend aus sich selbst heraus. Aus Sportlern, die neben ihrem Talent und Fleiß durch außerordentlichen Ehrgeiz höchstes Niveau erreichen, werden außerordentlich ehrgeizige Trainer und Funktionäre.

Ehrgeizige Charaktere grätschen auch schon mal

Hoeneß war Nationalspieler, bevor er den FC Bayern zur Weltmarke machte. Bobic war Nationalspieler, bevor er sich als Fußballmanager versuchte. Kovac war Nationalspieler, bevor er zum Trainer wurde. Treffen solch ehrgeizige Charaktere, die davon ausgehen, dass Erfolg mit ihrem eigenen Wirken zusammenhängt, aufeinander, wird auch mal gegrätscht. Erst auf dem Rasen, später verbal. Um die eigene Position zu festigen, um sich für eine andere Position attraktiv zu machen, um – wie es im Fußball so schön heißt – ein Zeichen zu setzen. Es zählt immer der eigene Standpunkt. Die Sportpsychologie spricht von der Gruppe der sogenannten Erfolgsorientierten. Hervorstechender Wesenszug: Geht ihnen etwas schief, sind immer die anderen Schuld. Deswegen halten die, die einen Elfmeter zugesprochen bekommen haben, diesen fast immer für berechtigt, während ihre Gegner fast immer auf die Unfähigkeit des Schiedsrichters schimpfen. Für die Lügendebatte im Fall Kovac bedeutet das auch: Es können beide Seiten die Wahrheit gesagt haben. Ihre Wahrheit.

Wer kann unter diesen Voraussetzungen Niko Kovac vorwerfen, dass er auf dem Weg zum persönlichen Ruhm als Trainer dem Werben eines der größten Klubs der Welt erliegt? Wer kann unter diesen Voraussetzungen Fredi Bobic vorwerfen, dass er um seine Arbeit bei Eintracht Frankfurt fürchtet? Wer kann unter diesen Voraussetzungen Uli Hoeneß vorwerfen, dass er zur Festigung der eigenen Ausnahmestellung auf das seiner Meinung nach beste Personal vertraut?

Klar ist zumindest jetzt schon eins: Bringt Kovac den Bayern nicht den erhofften Erfolg, ja, verliert er beispielsweise sein erstes Spiel als Bayern-Coach, ist die aktuelle Debatte sofort vergessen. Dann – spätestens – gibt es eine neue Debatte. Diese Aufgeregtheit erlaubt sich die Bundesliga.

Von Sebastian Harfst/RND

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