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Kultur Fesselnde Kamelie auf dem Grünen Hügel
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13:54 21.07.2018
Halbwelt-Dame Violetta (Hale Soner) unter Druck im Belle-Epoque-Salon. Quelle: jbh
Eutin

Ein Salon der Belle Epoque, die Spiegel erblindet, die Chaiselongues mit Tüchern abgedeckt. Hier wird jetzt nur noch die Erinnerung gefeiert – an die große Liebe und den viel zu frühen Tod. Alfredo Germont, Typ realitätsferner Schwärmer, gedenkt im seufzersatten Vorspiel von Giuseppe Verdis Meisterwerk La Traviata seiner Traumfrau Violetta – und schon quillt der vergnügungssüchtige Geldadel aus den Türen, Wänden und Balkonen. Champagner vernebelt menschliches Mitgefühl.

Intendantin Caron inszeniert Rückblenden

Dominique Caron, Intendantin der Neuen Eutiner Festspiele, beleuchtet in Gedankenstrom-Rückblenden als Regisseurin sehr geschickt und deutlich, wie die Lebenswaage der Halbwelt-Ikone Violetta unaufhaltsam ins Tragische kippt.  Sie macht es den begeisterten Premierenbesuchern im nahezu ausverkauften Halbrund am Eutiner See leicht, indem sie früh die schleichende Schwindsucht-Erkrankung ausweist, im bewegten Chor auch schon die gesellschaftlichen Ressentiments andeutet, die dann durch die Intervention von Alfredos Vater auch noch zur erzwungenen Trennung des jungen Glücks führen werden.

Brillant und ausdrucksstark: Hale Soner in der Titelpartie

Caron verweist zurecht auf Verdis eigene Biografie als Witwer und in „wilder“ zweiter Ehe Geächteter. Zudem hat sie in der türkischen Sopranistin Hale Soner eine fesselnd vielschichtig spielende und brillant singende Persönlichkeit für die Titelpartie engagiert. Da sitzen nicht nur himmelhochjauchzende Seelenkapriolen in der Arie „É strano“, da stehen auch glutvolle Farben für Leidenschaft und Panik zur Verfügung. Und der Schlussakt, wenn es mondsüchtig dunkel wird und kalte Scheinwerfer-Spots für fahl intensivierte Stimmung sorgen, lappt in eine veritable Wahnsinnsszene.

Gedruckte Übersetzung

Es ist längst international üblich, in italienischer Originalsprache zu singen. Da der Grüne Hügel in Ostholstein (noch) nicht über eine Übertitelungsanlage verfügt (eine LED-Sponsor wäre willkommen ...), hat der Dirigent für jeden Akt eine Übersetzung der wichtigsten Zitate angefertigt.

Einfühlsam und dramatisch: Dirigent Leo Siberski

Sowieso sorgt der Ex-Kieler Leo Siberski, inzwischen Generalmusikdirektor am erzgebirgischen Theater in Plauen und Zwickau, für eindringliche Deutlichkeit. Mit seiner gut besetzten Kammerphilharmonie Lübeck schafft er einen sprechenden Verdi-Tonfall zwischen zarter Klage und heftiger Emotion. Weil er überall einen stabilen Melodiezug im dichten Legato durchlaufen lässt, zerfällt die eigentlich so intim transparente und für Open Air deshalb nur bedingt geeignete Partitur nie in Einzelteile. Auch der Festspielchor, einstudiert von Romely Pfund, entwickelt bei gelungen dezenter Verstärkung Schlagkraft.

Gut besetzte Partien

In Ursula Wandaress’ Einheitsbühne und den angenehm unmuffigen Kostümen von Martina Feldmann erhalten auch die anderen Figuren Kontur. Der Chilene Carlos Moreno Pelizari führt seinen angenehm timbrierten Tenor gewandt durch die Alfredo-Partie. Dass seine Schlagkraft begrenzt bleibt, kann man gut verschmerzen. Etwas mehr mindert das Hörvergnügen, dass der deutsch-iranische Bariton Manos Kia dem Vater zwar seriöse Statur verleiht, aber etwas rauh klingt und zu wenig Schmelz und Belcanto-Zug in die Gesangslinien bekommt. In den durchweg gut besetzten Nebenpartien lässt vor allem der Bass Kemal Yasar, von 2008 bis 2011 im Kieler Ensemble, als Dottore Grenvil aufhorchen.

Termine

Neue Eutiner Festspiele. Vorstellungen am 25. Juli sowie 1., 4., 12. und 25 August. Tel.: 04521 / 800 10. www.eutiner-festspiele.de

Von Christian Strehk

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