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Kultur Die dunkle Seite des Tugendhaften
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07:00 18.11.2016
Von Alev Doğan
Bedrohliche Annäherung: Mr. Hyde (Claus Rösler) und Sängerin Ivy (Felicia Engelhard). Quelle: Björn Schaller
Kiel

Versteckt im verwinkelten Innenhof der Hansa 48 hatte das Werkstatt-Theater zu einer kleinen, aber durchaus bemerkenswerten Uraufführung eingeladen. Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Regisseure Stefan Schwarze und Mitschi Jacobi brachten erstmals die Bühnenfassung des ehemaligen Kieler Autors Christoph Ketzenberg auf die Bühne, die auf der 1886 erschienenen Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson basiert.

Der ehrenwerte Arzt Dr. Jekyll (Marcus Klein) erforscht die Doppelnatur des Menschen, sein gutes und böses Ich. Sich seiner eigenen Laster und Triebe bewusst, erarbeitet er bekanntermaßen eine Tinktur, die seiner animalischen Seite einen Ausdruck gibt: Mr. Hyde. Die erdrückenden Erwartungen seines Umfelds, er möge ein tugendhaft-perfektes Leben führen, sind es, die ihn zu diesem radikalen Schritt führen. Sein zukünftiger Schwiegervater ist die auf die Spitze getriebene Personifizierung dieser gesellschaftlichen Zwänge. Atemberaubend gut gespielt von Fiete Caesar, der im Ensemble starke Präsenz entfaltet. Einfach, aber bühnenwirksam auch die Verwandlungen des Dr. Jekyll in Mr. Hyde: Während Jekyll im Labor seine Tinktur zusammenmischt, umkreisen ihn die (Folter-)Geister seines Lebens. Angeführt im bedrohlich-militärischen Takt des Schwiegervaters umkreisen sie den Wissenschaftler, der den verhängnisvollen ersten Schluck der Droge nimmt. Und unter seinem Umhang kriecht Mr. Hyde hervor, der dem Schauspieler Claus Rösler auch körperlich alles abverlangt: Schweiß, Tränen und Blut.

Was von dieser Bühnenadaption vor allem in Erinnerung bleibt, sind nicht die schaurigen Szenen, sondern das Identifikationspotenzial, das in den beiden Hauptfiguren steckt. Auch weil Marcus Klein ihn so natürlich spielt, wird Dr. Jekylls Streben, die Ketten der Tugendhaftigkeit zu sprengen, glaubhaft nachvollziehbar. Und als dann sein Alter Ego Mr. Hyde in Erscheinung tritt, lädt das frohlockende Glänzen in seinen Augen geradezu dazu ein, sich mit ihm zu freuen. Rösler gibt diesen Hyde zunächst verlockend sympathisch. „Das nächtliche London lockt mit seinen Lastern“, ruft er und klammheimlich gönnt ihm der Zuschauer viel Spaß dabei. Doch dann schlägt er einen blinden Bettler halbtot, und er zeigt seine wahre Seite als sadistischer Psychopath.

Nächste Aufführungen: Di.,22. Nov., 20 Uhr, Pumpe; weitere Termine in Kiel und Heikendorf im Januar unter www.werkstatt-theater-kiel.com, Kartentel. 04348/9281.

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