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Kultur Ed Sheeran feiert Tour-Auftakt in Berlin
Nachrichten Kultur Ed Sheeran feiert Tour-Auftakt in Berlin
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13:08 20.07.2018
Der britische Sänger Ed Sheeran tritt beim Southside-Festival auf. Quelle: dpa
Berlin

Ed Sheeran macht einen auf Verlierer. Er veräppelt sich selbst, indem er regungslos ins Nichts starrt. Sein Gesichtsausdruck wirkt wie narkotisiert. So sehe er aus, wenn er nicht auf der Bühne stehe, sondern selbst ein Konzert besuche, erklärt der 27-Jährige. „Ich bin einfach ein stinklangweiliger Konzertbesucher“, betont der Superstar in seiner Ansage im Berliner Olympiastadion – und ergänzt, dass er auch kein guter Tänzer sei.

Kaum ein Popstar beherrscht die Rolle des sympathischen Nerds so gut wie Ed Sheeran. Die rund 70 000 Fans beim ausverkauften ersten Deutschlandkonzert der aktuellen Sommertour lachen über den pausbäckigen Rotschopf in Jeans, Longsleeve und T-Shirt. Dann lassen sie sich am Schluss der Ansage noch zum Tanzen und Singen animieren, denn: „Nicht singen können – das gibt es gar nicht.“ Der Multimillionär im Normalo-Look räumt ab. Sein Charme verführt, die Stimmung steigt.

Dabei ist es eigentlich eine Koketterie, wenn der Sänger des eingängigsten Dancefloor-Hits der vergangenen Jahre („Shape of You“) sich selbst als Tanzmuffel ohne Rhythmusgefühl inszeniert. Aber Ed Sheeran darf das, vielleicht muss er es sogar. Der englische Singer-Songwriter hat sich diesen Er-ist-einer-von-uns-Status angeeignet und er wird ihn trotz steigenden Erfolgs und eines Jahreseinkommens von 110 Millionen US-Dollar so schnell nicht verlieren.

Ärger rund um das Konzert

•Beim Einlass zum Olympiastadion kam es zu massiven Problemen. Tickets, die aus zweiter Hand und meist zu höheren Preisen gekauft wurden, wurden als ungültig erklärt. Die Eintrittskarten waren personalisiert. Nur Besucher, die nachweisen konnten, dass sie die auf der Karte genannte Person waren, durften rein. Deshalb bildeten sich an einem sogenannten „Trouble Counter“ lange Schlangen.

•Auch in Verbindung mit anderen Terminen der Deutschland-Tour gab es Probleme. Für sein Open-Air-Konzert in Düsseldorf gab es keine Genehmigung. Als Ersatz wurden zwei Termine gefunden für Konzerte, die in Gelsenkirchen stattfinden.

•Im Privatleben hatte Ed Sheeran ebenfalls mit einem Ärgernis zu kämpfen. Der Brite wollte eine Kapelle auf seinem Grundstück in der Grafschaft Suffolk bauen, um dort seine Verlobte zu heiraten. Doch die Behörden verweigerten die Genehmigung. Die Kapelle passe nicht ins Landschaftsbild.

Bei seinem bislang größten Deutschland-Konzert spielt er auf innovative Weise Songs, die im Radio nicht innovativ, sondern gefällig klingen. Zumal es keine Band gibt, die Sheeran in Szene setzt. Der 27-Jährige erzeugt Beats, indem er auf seine Gitarre schlägt, begleitet sich selbst mit seiner aufgenommenen Stimme und legt die Tonspuren übereinander. Manche Passagen singt er mit Falsettstimme. Der gute Sound trotzt dem schlechten Image des Olympiastadions, in dem sonst – zuletzt bei Beyoncé und Jay-Z – allzu oft akustischer Brei fabriziert wurde.

Sheeran ist ein virtuoser Sampler seiner eigenen Musik. Und ein Hit-Lieferant. Er spielt „I See Fire“ – den Titelsong aus dem Blockbuster „Der Hobbit“ – vor einem Meer aus in die Luft gestreckten Smartphones mit Taschenlampenfunktion. „Sing“, „You Need Me, I Don‘t Need You” und das fast zwei Milliarden Mal auf Spotify gestreamte „Shape Of You“ komplettieren die Liste der mit seiner kraftvollen Stimme vorgetragenen Mega-Hits.

Die Show ist spektakulär simpel. Kein Konfetti, kein Feuerwerk, dafür links und rechts der einem Karussell ähnelnden Bühne zwei hochformatige Riesenleinwände, die vor allem eines zeigen: Ed Sheeran. Wie er bei Liebesliedern leidet und dann auf den begeisterten Applaus mit einem Festtagslächeln reagiert, als habe er gerade die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen ausgepustet. In der Politik würde man von Personenwahlkampf sprechen. Aber von Politik spricht Ed Sheeran nicht: Der Sänger hat mal gesagt, das Wichtigste, was er von seinem Vater gelernt habe, sei: „Nicht über Religion oder Politik zu singen oder in der Öffentlichkeit zu sprechen“.

Alles dreht sich also um die Musik und um den ach so bescheidenen Sheeran, der ein Vollprofi und nebenbei ein richtig guter Verkäufer seiner selbst ist. So spielte er eine Gastrolle in der Megahit-Serie „Game of Thrones“ – für die er allerdings von Fans der Show belächelt wurde. Sheeran liefert musikalische Hausmannskost, die allen schmeckt – von Sydney bis Stockholm. Als seine US-Plattenfirma einst seinen irisch angehauchten Folk-Song „Galway Girl“ nicht auf das Album nehmen wollte, soll Sheeran mit einem klaren Verkaufsargument für das Lied gekämpft haben: In den USA leben doch viele Menschen, die aus Irland stammen und den Song bestimmt gut finden.

Auch in Sachen Dramaturgie geht Sheeran nicht nach dem Lust-und-Laune-Prinzip vor, er hält sich bei dem rund 90-minütigen Auftritt an dieselbe Song-Liste wie auch sonst auf der aktuellen Tour. Nachdem er die Beine bereits zu Beginn bedient, nimmt er zwischendurch im Balladen-Block auch die Tränendrüse ins Visier. Das Publikum bekommt eine Extraportion Pathos gereicht. Zu „Photograph“ erscheinen Kinderbilder auf den Leinwänden. Bei dem Liebeslied „Thinking Out Loud“ ist ein gezeichnetes Liebespaar zu sehen - Händchenhalten, Küssen, Kinder kriegen. Sheeran besingt das ganz große Gefühl: „Take me into your loving arms / Kiss me under the light of a thousand stars.” Es folgen Bilder von Kometen und Planeten. Die Welt ist Ed Sheeran nicht mehr genug.

Ed Sheeran spielt am 25. Juli auf der Trabrennbahn in Hamburg, am 29. (es gibt noch Tickets) und 30. Juli im Olympiastadion München. Auch für die Konzerte in der Veltins-Arena Gelsenkirchen am 22. und 23. Juli gibt es noch Karten.

Von Maurice Wojach/MAZ/RND

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