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Kultur Lose Enden und neue Anfänge
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12:00 27.02.2014
Von Ruth Bender
Den Zwiespalt zwischen und Gehen und Bleiben kann Jan Christophersen gut nachvollziehen. Quelle: Manuel Weber
Kiel

Es geht um Freundschaft und Musik in Ihrem neuen Roman „Echo“. Machen Sie selbst auch Musik?

 Ich spiele Gitarre, ziemlich viel sogar. Früher habe ich in einer Band gespielt. Praktisch meine ganze Jugend über. Und ich war sehr lange fest davon überzeugt, dass das die Sache sein wird, die ich später machen werde. Wir sind auch nach Polen gefahren, 1989.

 So wie die Schulband im Roman?

 Genau. Das ist der autobiografische Kern des Romans. Für mich war das damals eine richtig tolle Erfahrung. Wir waren der West-Import und die Leute haben uns gefeiert – egal, was wir gemacht haben. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: So wäre es also, auf der Bühne zu stehen und der Saal tobt. Gleichzeitig hatte ich aber auch schon damals diesen leisen Zweifel, ob das wirklich das Richtige für mich ist. Irgendwann kam dann das Schreiben dazwischen.

 Gibt es eigentlich einen Punkt, an dem sich die Musik und das Schreiben überschneiden?

 Für mich hat das Schreiben damals eher die Musik abgelöst. Erst habe ich Songs geschrieben, aus denen dann nach und nach Kurzgeschichten wurden. Jetzt nehme ich zwar hin und wieder kleine Stücke auf, aber die sind immer textlos. Ich kann keine Musiktexte mehr schreiben. Das scheint vorbei zu sein. Vielleicht kann ich mich aber auch einfach nur nicht kurzfassen.

 Wem fühlen Sie sich näher, Tom oder Gesa?

 Im Moment bin ich Gesa näher. Wie sie habe ich Familie mit zwei kleinen Kindern und bin eher der Zuhausebleiber als der Weltenbummler. Die beiden Pole haben mich immer interessiert, weil ich sie in mir selbst kenne. Einerseits will ich weg, andererseits mag ich die Verwurzelung. Das war der Ausgangspunkt für diese Freundschaftsgeschichte. Das Autobiografische hört da bald auf. Und dann findet die Geschichte ihren eigenen Weg.

 Der Roman folgt einer ungewöhnlichen Struktur. Am Beginn der Kapitel steht jeweils eine Postkarte, es gibt drei Teile und ein Schlusskapitel, die Coda.

 Ja, das könnte eine Sonatenform sein – aber es war nicht so, dass ich mir die vorher überlegt hätte. Und die Postkarten waren für mich ein Mittel, Tom in die Geschichte hereinzuholen. Die erzähle ich sonst ja aus der Perspektive von Gesa. Diese kurzen Nachrichten machen Tom zwar mysteriöser, aber gleichzeitig hört man seine Stimme, entdeckt, dass er lustig sein kann, schlagfertig, pointiert.

 Die Geschichte folgt - von der Klassenfahrt bis zum Treffen der Protagonisten in Polen 15 Jahre später – der Chronologie, aber zwischen den einzelnen Episoden liegen große Zeitsprünge.

 Diese Zeitsprünge waren mir wichtig. Ich wollte diese Freundschaft über einen langen Zeitraum erzählen, und ich wollte das in Ausschnitten machen, so dass das, was dazwischen passiert, sich miterzählt.

 Notwendigerweise bleiben da viele Fragen offen. Warum war Ihnen das wichtig?

 Ich fand es reizvoll, diese beiden Leben zu erzählen, die sich ab und zu berühren, einen Schnittpunkt finden. Die Lücken im Erzählen vermitteln ein Gefühl dafür, wie es ist, wenn man die Entwicklung des anderen nicht mitbekommt. Die Gesa aus dem ersten Teil ist ja ein sehr andere als die Gesa im zweiten Teil, die Mutter ist und später, im dritten Teil, heiratet. Im Grunde ist das immer so: Man führt mehrere Leben im Laufe einer Biografie. Abschnitte gehen zu Ende, es gibt Neuanfänge…

 Und manche der Geschichten werden nie fertig. Bei Gesa und Tom weiß man ja auch nie, ob aus den beiden nicht noch ein Liebespaar wird.

 Ja, es gibt diesen Moment während ihrer Hochzeit, in dem Gesa aus der Freundschaft mehr machen will – und damit fast einen Schritt zu weit geht. Davon handelt die Geschichte eben auch: Von Nähe und Ferne, und davon, dass man Grenzen wahrt. Gesa und Tom sind da beide sehr empfindlich. Sie haben schnell das Gefühl, dass ihnen jemand zu sehr auf die Pelle rückt.

 Wo kommt denn das Echo ins Spiel, das dem Roman den Titel gibt?

 Das Echo tönt auf verschiedenen Ebenen. Zum Beispiel über die Kommunikation zwischen Gesa und Tom. Sie senden Botschaften, und die Frage ist, wie diese reflektiert werden und was zurückkommt. Gleichzeitig sind das Echos aus der Vergangenheit, die in der Gegenwart nachhallen, sich übereinanderlegen.

 Die Beschreibung der Musik nimmt breiten Raum ein in dem Buch – welche Musik haben Sie beim Schreiben gehört?

 Ich höre nicht viel Jazz, aber ein paar Musiker eignen sich sehr gut zum Schreiben. Bill Frisell zum Beispiel. Den habe ich rauf und runter gehört.

 Warum Jazz?

 Ich wollte als Protagonisten einen Instrumentalmusiker, einen, der keine Worte braucht. Was Tom sagt, drückt er meistens über seine Musik aus. Da bot sich der Jazz an.

 Geht es also auch um die Grenzen der Sprache?

 Schon. Die Menschen sprechen ja selten einfach aus, was sie meinen. Sie nehmen Umwege, über Andeutungen, andere Leute oder die Musik. Über die Musik kommen Tom und Gesa zusammen; wenn sie das Thema wechseln, wird es sofort schwierig.

 Warum haben Sie sich eigentlich als Erzähler für Gesas Perspektive entschieden?

 Die Beobachter-Position hat mich immer schon mehr interessiert als die des Agierenden oder Leidenden mittendrin. Das war schon bei Schneetage so. Da gab es Paul, die Hauptfigur – aber für mich war Jannis, der Erzähler, und seine Sicht auf die Dinge mindestens genauso wichtig.

 War Gesa Ihnen nicht zu langweilig in ihrer Bürgerlichkeit und Verwurzelung in Flensburg?

 Klar, man könnte das so sehen: Zweiten Freund geheiratet, Kinder bekommen, das Haus der Eltern übernommen. Aber sie hadert ja auch damit. Das Muttersein empfindet sie als massiven Angriff auf ihren Körper. Das Haus, das sie übernimmt, ist toll, gleichzeitig aber auch eine Last, um die sie sich kümmern muss. Tradition kann eine Last sein.

 Die Geschichte spielt in Flensburg. Dort sind Sie aufgewachsen. Hätte sie auch anderswo spielen können?

 Ja, hätte sie. Aber es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, Flensburg war einfach klar. Ohnehin mag ich dieses Kleinstadt-Ambiente. Und ich fand es schön, mal mit dem zu spielen, was real da ist. Gesas Haus zum Beispiel gibt es, aber ich war nie drin. Da wohnt irgendjemand, und mir erschien es von außen sehr passend für Gesa. Weil es tatsächlich so aussieht wie ein Haus, das über die Generationen weitergegeben wird.

 Sie leben mit Ihrer Familie an der Schlei, nicht sehr weit von Flensburg, wo sie aufgewachsen sind. Hadern Sie auch?

 Ich habe keine Ahnung, ob und wo wir bleiben. Und ich finde es ganz gut, dass da noch nichts entschieden ist, dass wir noch kein Haus geerbt haben. Wir könnten zum Beispiel noch nach England gehen. Und diese Option, dass Weggehen möglich ist, die gefällt mir.

 Sie sind also ein potenzieller Weggeher?

 Ja. Ich bin gerne zu Hause – aber ich will auch immer weg.

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