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Eine Kathedrale unter Reet

Tag des offenen Denkmals Eine Kathedrale unter Reet

Als „Holzkathedrale“ preisen Denkmalschützer die 250 Jahre alte reetgedeckte Weizenscheune in Hasselburg. Teil einer der schönsten barocken Gutsanlagen im Lande, ist sie an diesem Wochenende ein zentraler Ort beim Tag des offenen Denkmals, und steht für den Wandel zum „Kultur-Gut“.

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"Tag des offenen Denkmals" - Hunderte Denkmäler öffneten ihre Türen

Faszination mit Holz: Blick in die riesige Reetscheune der barocken Gutsanlage Hasselburg. Ab Mitte 2013 soll sie ganzjährig bespielbar sein. Im Hintergrund ist die historische Orgel durch Planen geschützt. Und auch von außen ist die Scheune ein Blickfang

Quelle: Peter

Hasselburg. Das Motto „Holz“ wird in der fünfschiffigen Scheune, die als eine der größten ihrer Art in Deutschland gilt, imposant erlebbar: Auf 72 x 24 Meter Grundfläche erhebt sich über den nur zwei Meter hohen Mauern mit weiß gefassten Rundbogentoren und „Ochsenaugen“ der hölzerne Stützenwald fast 20 Meter hoch. Dieses Raumerlebnis lässt nicht erst durch die kleine Orgel ganz hinten an eine Kathedrale denken. Landeskonservator Michael Paarmann ist begeistert, dass der „barocke Schatz“ seit Jahresbeginn grundsaniert und in enger Absprache mit den Denkmalpflegern bis zum kommenden Jahr in einen modernen, ganzjährig bespielbaren Theaterraum verwandelt wird – mit freiem Blick ins Gebälk.

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Seit 34 Jahren als Pächter des prächtigen Herrenhauses Hasselburg auch Kultur-Gastgeber: Heikedine Körting-Beurmann und Andreas Beurmann.

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 Als außergewöhnlicher Konzertraum hat die Reetscheune allemal von Anbeginn des Schleswig-Holstein Musik Festivals an Tradition. Vor bis zu 2000 Zuhörern traten hier einst Leonard Bernstein und Justus Frantz auf, wurden ländliche Musikfeste gefeiert. Nach einer Art Dornröschenschlaf in jüngsten Jahren hat die Stahlberg-Stiftung (Seevetal), seit November 2010 neuer Eigentümer, mit bewusst verkleinertem Platzangebot und neuer Infrastruktur umso größere Pläne. Vorstand Constantin Stahlberg, der als ehemaliger Unternehmer mit vielfältigen musikalischen Talenten die Stiftung prägt, spricht schon vom „Kultur-Gut Hasselburg“. Was zum einen heißen soll, dass die Scheune ab 22. Juni 2013 regelmäßig, jeweils sonnabends mit Shakespeare, auch musikalisch bespielt wird. Und zum anderen, dass es nicht beim Spielort Scheune bleibt.

 Bis dahin bleibt, getreu dem Shakespeare-Stück „Der Widerspenstigen Zähmung“, noch viel zu tun. Aber die Vision ist klar umrissen. Sie soll die axialsymmetrisch angelegte Barockanlage vom Torhaus über den Wirtschafts- bis zum Ehrenhof mit Kultur erfüllen und damit noch weiter öffnen, als es die Hausherren Heikedine Körting-Beurmann und Prof. Andreas Beurmann im Herrenhaus in den letzten 34 Pächter-Jahren konnten. Dabei dürfte Beurmanns Passion für historische Tasteninstrumente und die seiner Frau für Hörspiele eine gewichtige Rolle spielen, bestätigt Stahlberg. Er denkt an ein interaktives Hörspielmuseum gegenüber im ehemaligen Kuhhaus, das nach der Renovierung als eingeschossige Leimbinder-Halle auch ein Restaurant aufnehmen soll. Er träumt von Heckentheater, gar von einer Künstlerkolonie, die ihre Keimzellen im 1763 vom späteren Eutiner Hofbaumeister Georg Greggenhofer errichteten Torhaus haben könnte. Im wörtlichsten Sinne übrigens: Neben zehn (Ferien-)Wohnungen, später womöglich Ateliers, will die Stiftung im Torhaus mit seinen ausladenden Seitenflügeln bis zum nächsten Jahr auch „Mönchszellen“ für gastierende Künstler genauso wie womöglich Fahrradtouristen einrichten. Sie alle sollen das Torhaus durch eine zumindest spritzig klingende „Kulturdusche“ passieren.

 Das freilich ist noch Zukunftsmusik, aber auch hier ist ein Anfang bereits getan: Die historische Turmuhr in der „Haube“ des barocken Backsteingebäudes hat mit Unterstützung der Denkmalpflege ein elektronisch gesteuertes neues Werk bekommen und auch die Glocke von 1623 soll bei der Auftaktveranstaltung zum Tag des offenen Denkmals am heutigen Sonnabend ab 14 Uhr wieder läuten. Die Wetterfahne ist, ebenfalls von dem Neustädter Uhrmachermeister Joachim Otto, hergerichtet und glänzt in Blattgold.

 Derweil mussten sich die Arbeiter in der Scheune zunächst mit den Schwellenhölzern abmühen – waagerecht auf dem Boden liegende Balken, auf denen sich die ganze Fachwerkstruktur aufbaut. Diese Hölzer waren durch Feuchtigkeit zerfressen und mussten aufwändig ersetzt werden, nachdem man bei der letzten Sanierung vor rund 30 Jahren das Problem vernachlässigt hatte. Neue Fundamente wurden gegossen, ebenso wie ein neuer Beton-Boden, in den eine Fußbodenheizung eingelassen ist. Brandschutzauflagen galt es zu erfüllen, Fluchtwege zu ebnen, neben Sanitäranlagen wird in den Seitenschiffen Raum für Catering und Garderoben neu geschaffen. Die zentrale Bühne, an drei Seiten von Stühlen umgeben, braucht neueste Technik: Die Scheune soll künftig auch für Großveranstaltungen vermietet werden. Ein wenig erinnert das Konzept an die Pläne für das gar nicht weit entfernte Resort „Schlossgut Weissenhaus“, dessen (deutlich kleinere) Reetscheune als Kultur-Veranstaltungsort bereits in diesem Sommer eingeführt wurde.

 Die Betonflächen, die derzeit neben der Lindenallee zum Hasselburger Torhaus irritieren, werden sich zu begrüntem Parkraum entwickeln, versichert Stahlberg, der im Inneren der barocken Gutsanlage auf Bestandspflege ganz im Stile des adligen Landsitzes setzt. Zur Freude des Landeskonservators: Diese Sanierung mit Augenmaß erliege eben nicht der Versuchung, etwa den rein funktional ausgerichteten Wirtschaftshof zwischen Kuhhaus und Reetscheune mit „barockem Zierrat zu infizieren“. Der hat eher im Ehrenhof, etwa in der Treppenhalle des Herrenhauses, seinen Platz. In dieses Umfeld passt barocke Pracht – die durch über 400 Jahre alte und ebenfalls reich verzierte Cembali aus der Sammlung Andreas Beurmann bereichert wird. Klar, der Musiker und Musikwissenschaftler steuerte jenseits des historischen Burggrabens auch die kleine pneumatische Orgel aus Bayern von 1887 zur Eichenholz-Kathedrale bei.

Tag des offenen Denkmals:

 Der bundesweite Tag des offenen Denkmals lädt am Sonntag, 9. September, unter dem Motto „Holz“ zu unterschiedlichsten Touren in die Vergangenheit ein. In über 120 Veranstaltungen in Schleswig-Holstein lassen sich Fachleute und engagierte Laien aus Denkmalpflege und Archäologie bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Holz ist seit Menschengedenken ein zentraler Baustoff. Die Nutzungsweisen an und in Bauwerken sind sehr vielfältig, zumal Holz als nachwachsender Rohstoff hierzulande fast immer und überall verfügbar war und ist. Neben Führungen auf Gut Hasselburg (10 - 18 Uhr, Herrenhaus, Torhaus, Reetscheune) wird auch in Weissenhaus (Führung 14 Uhr) Historie hautnah vermittelt. In Kiel lassen sich im Restaurierungszentrum Kaiserstraße 4 in Gaarden Restauratoren bei ihrer Arbeit auf die Finger schauen und es gibt einen Vortrag zum Thema Holzresturierung.

Das Programm für Schleswig-Holstein finden Sie hier.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion