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17:21 26.11.2018
Von Jürgen Gahre
Mit einer Prise Ironie: Enrico di Borgogna beim Opernfestival in Bergamo. Quelle: Walter Vitale
Bergamo

Der 1797 in Bergamo geborene Gaetano Donizetti ist zweifellos der berühmteste Sohn dieser wunderschönen, einst von Venedig beherrschten Stadt. Er erblickte das Licht der Welt außerhalb der Stadtmauern in einer Kellerwohnung: Seine Eltern waren viel zu arm und die Anzahl seiner Geschwister war viel zu groß, als dass man sich eine Wohnung in der vornehmen Città Alta innerhalb der Mauern hätte leisten können.  Eine zwischen den Zimmern angebrachte Steinplatte mit einem Zitat aus einem seiner Briefe lässt uns das ganze Ausmaß seiner von Not und Elend geprägten Kinderjahre erahnen: „Ich wurde unterhalb der Erde in Borgo Canale geboren. Man stieg eine Kellertreppe herunter, wohin kein Lichtstrahl je gelangte. Und wie eine Eule flog ich davon, mit teils traurigen, teils freudigen Vorahnungen.“ Im Brief heißt es weiter: „Nie wurde ich ermutigt von meinem armen Vater, der mir immer sagte: Es ist unmöglich, dass du je komponieren wirst, dass du je nach Neapel gehen wirst...“ Aber der Knabe hatte Begabung und einen selbstlosen Förderer in dem Komponisten Simon Mayr gefunden, und so konnte er bemerkenswert früh reifen und bereits als Teenager sein kompositorisches Talent unter Beweis stellen.

Ein Erlebnis: das Teatro Sociale in der Altstadt

Da das Teatro Donizetti in der Città Bassa wegen Renovierungsarbeiten über Jahre nicht bespielbar ist, wird das Festival in dem sehr schönen und noch viel älteren Teatro Sociale in der Città Alta veranstaltet. Bereits im letzten Jahr hat man mit dem interessanten Projekt „Donizetti 200“ begonnen. Das bedeutet, dass jeweils diejenige Oper gespielt wird, die vor genau zweihundert Jahren uraufgeführt wurde. Der Spielplan ist also bis 2044 vorausschaubar, denn 1844 hatte seine letzte Oper, „Caterina Cornaro“, in Neapel Premiere.

Ausgrabung: Enrico di Borgogna

   Den ersten wirklich großen Flug begann die „Eule“ 1818 in Venedig, als dort „Enrico di Borgogna“ uraufgeführt wurde. Jetzt also wird dem Publikum die seltene Gelegenheit geboten, den „volo del gufo“ (den Flug der Eule) des gerade einmal 20-jährigen Komponisten zu erleben. Die Neuproduktion des „Enrico“ stellte sich, das darf man mit Fug und Recht sagen, als kleine musikalische Sensation heraus. Unglaublich, was dem jungen Mann aus Bergamo da alles an herrlichen Melodien eingefallen ist! Unglaublich auch, mit welcher Sicherheit er große Ensemble-Szenen zu gestalten weiß und mit wie viel Esprit er zu Werke gegangen ist, um aus einem recht mäßigen Libretto Funken zu schlagen. In der Oper geht es um den Schurken Guido, der durch Mord König von Burgund geworden ist und nicht ahnt, dass Enrico, der echte Königssohn, noch in einer Hütte in den Alpen lebt. Die von Guido drangsalierte Prinzessin Elisa trifft auf den Kronprinzen, den sie für einen Hirten hält, verliebt sich in ihn und bekommt ihn schließlich als Gatten. Ende gut, alles gut.

Theater auf dem Theater

   Die Regisseurin Silvia Paoli ist auf die hübsche Idee gekommen, das Teatro San Luca, in dem „Enrico“ uraufgeführt wurde, auf die Bühne des Teatro Sociale zu stellen und den jungen Komponisten bei der Arbeit zu zeigen: Immer wieder muss er eingreifen und zurechtrücken und sogar einem Braunbären Manieren beibringen. So können sich die Sänger oft outriert geben, dürfen so manche seltsame Position einnehmen – das alles wirkt aber durch die Distanz zum Theater im Theater sehr amüsant.

Stars in weiblichen Hauptpartien

   Es spricht für das Renommee des Donizetti Festivals, dass für die beiden weiblichen Hauptrollen dieser unbekannten Oper Stars wie Anna Bonitatibus (Enrico) und Sonia Ganassi (Elisa) gewonnen werden konnten. Hinreißend virtuos singt Anna Bonitatibus (Enrico) das mit Koloraturen gespickte finale Rondo „Mentre mi brilli intorno“, und Sonia Ganassi (Elisa) wehrt  in der bewegenden Arie „Nell'eccesso del tormento“ erfolgreich die unverschämten Avancen des Guido ab. Großes Lob aber auch für Francesco Castoro (Pietro, den Ziehvater des Enrico), und Levy Sekgapane (Guido). Alessandro De Marchi spornt das Orchester Academia Montis Regalis zu leichtfüßigem und doch spannendem Spiel an und macht aus den an Rossini gemahnenden Passagen einen prickelnden Ohrenschmaus. Das Premierenpublikum spendete reichlich Applaus für alle.

Zweite Ausgrabung: Il castello di Kenilworth

   Die zweite im Rahmen des Donizetti Festivals aufgeführte Oper, „Il castello di Kenilworth“, entstand elf Jahre nach „Enrico“ zu einer für den Komponisten schweren Zeit. Die in ihm schwelende Syphilis, an der er 1848 ja auch gestorben ist, meldete sich mit furchtbaren Krämpfen, und seine Frau Virginia gebar ein totes Kind. In „Il castello di Kenilworth“ geht es, ähnlich wie in Rossinis „Elisabetta, regina d'Inghilterra“, um die Amouren der großen englischen Königin Elizabeth: Sie besucht das Schloss Kenilworth, wo ihr früherer Liebhaber Leicester mit seiner Frau Amelia lebt. Dieser will aber seine Heirat geheim halten, weil er sich bei der Königin noch immer Hoffnungen macht. Ein Großteil der Handlung geht dann auch darum, wie er seine Frau vor Elizabeth verstecken kann. Sein Komplize Warney schlägt sogar die Ermordung der Amelia vor, da sie ihn als Liebhaber ablehnt.

Schlichte Inszenierung, nobler Belcanto

   Die Inszenierung von Maria Pilar Pérez Aspa ist betont schlicht gehalten und kommt mit wenigen für die Handlung wichtigen Requisiten aus. Die herrlichen historischen Kostüme sind dagegen eine wahre Augenweide, besonders das prunkvolle Kleid der Königin. Der Fokus wird also ganz auf Donizettis noblen Belcanto gelenkt, der in dieser Oper seinen unwiderstehlichen Zauber entfalten kann. So wird Amelias innige, von einer geisterhaft klingenden Glasharmonika begleitete Arie im letzten Akt, wenn sie sich glücklicherer Zeiten erinnert, zu einer unvergesslichen Sternstunde der ganzen Oper: Carmela Remigio kann dieser fragilen Musik Innigkeit und Poesie abgewinnen. Als dramatischer Höhepunkt des „Castello di Kenilworth“ aber muss das Zusammentreffen der Amelia mit Elisabetta gelten. Es ist bewundernswert, wie einfühlsam Donizetti hier die Psyche der beiden Rivalinnen freilegt.

Jessica Pratt: Elisabetta der Sonderklasse

Jessica Pratt ist eine Elisabetta der Sonderklasse: Jeder Schritt (und jeder Ton!) eine Königin! Xabier Anduaga ist ein mit allen Wassern gewaschener Leicester und Stefan Pop ein Erzschurke Warney, der aber dank seines höhensicheren Tenors die Herzen des Publikums im Sturm erobert. Das Orchester der Donizetti Opera wird von Riccardo Frizza mit spürbarem Enthusiasmus für „Il castello di Kenilworth“ durch die Partitur geleitet. Stürmischer Beifall für alle!

Ausblick auf das Jahr 2019

 In 2019 stehen drei Donizetti-Opern auf dem Festivalplan: Pietro il Grande, L'ange de Nisida und Lucrezia Borgia.

www.fondazioneteatrodonizetti.org

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