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Kultur Herzlosigkeit wird bestraft
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11:16 12.06.2018
Von Jürgen Gahre
Nicholas Morris als The Invisible und Anna Dennis als The Other Invisible in der Kammeroper "To See The Invisible" von Emily Howard beim Aldeburgh Festival 2018. Quelle: Stephen Cummiskey
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Aldeburgh

Das 2009 eröffnete, gleich neben der großen Konzerthalle Snape Maltings gelegene „Benjamin Britten Studio“ ist ein vortrefflicher Ort für die Aufführung von Kammeropern in intimem Rahmen – „The Corridor“ von Harrison Birtwistle ist hier beispielsweise aus der Taufe gehoben worden, mit großem Erfolg. In diesem Jahr nun ist die erlauchte Reihe der in Aldeburgh uraufgeführten Kammeropern mit „To See the Invisible“ von der 1979 geborenen Emily Howard fortgesetzt worden. Das ist allein schon deswegen begrüßenswert, weil jetzt zum ersten Mal die Komposition einer Frau zur Diskussion gestellt wird. Selma Dimitrijevic hat das auf einer Kurzgeschichte von Robert Silverberg basierende Libretto geschrieben und Dan Ayling hat die Kammeroper zusammen mit seiner Designerin Ana Inés Jabares-Pita  auf die Bühne gebracht.

To See the Invisible

   Der paradoxe Titel macht gespannt auf die Oper, und in der Tat bekommt das Publikum einen eigentlich Unsichtbaren zu sehen: Er ist ein junger Mann, der wegen einer „crime of coldness“, also wegen Herzlosigkeit und Kälte angeklagt und verurteilt wird. Sein Richter aber spricht in einer Sprache (ist es die Sprache der Menschlichkeit?), die der Angeklagte nicht versteht. Sein Urteil scheint erträglich zu sein, ist es aber auf Dauer nicht, denn wo immer er sich aufhält, wen immer er anspricht, er bekommt keine Antwort, wird übersehen und vollkommen ignoriert. Und wenn er nach einem Jahr zurück ins normale Leben darf, wenn er wieder ansprechbar ist, dann ist er ein gebrochener Mann und dem Wahnsinn nahe. Sein Mitleid mit einer anderen Unsichtbaren, die ihn inständig um ein Zeichen des Mitgefühls anfleht, wird ihm jedoch zum Verhängnis. Die Oper endet mit seiner erneuten Verhaftung.

Phantastische Effekte mit acht Musikern

   Emily Howard hat zu diesem kafkaesk anmutenden Libretto eine eindringliche und oft auch emotional packende Musik geschrieben. Schon der erste brutale Auftritt der beiden Guards, die den jungen Mann verhaften, ist Mark erschütternd, gleichermaßen seine unartikulierten Klagelaute im Gefängnis! Unglaublich, was für phantastische Effekte Emily Howard aus den acht Musikern der Birmingham Contemporary Music Group herausholt – da ist sie sogar noch sparsamer als ihr Vorbild Britten, der immerhin ein gutes Dutzend brauchte. Das Schlagzeug spielt eine dominante Rolle in den Szenen der Entfremdung, besonders in der grotesken Gerichtsszene, die in ihrer absurden Unverständlichkeit eine unheimliche Wirkung ausübt. Die Rückkehr des Unsichtbaren in die normale Welt gestaltet Emily Howard mit einem sehr simplen musikalischen Einfall: Sie zitiert längere Passagen aus Mozarts „Così fan tutte“ in leicht verfremdeter Form und erreicht damit ein Optimum an Emotionen und Mitgefühl.

Viel Platz für die Szene

   Da das kleine Orchester oberhalb der Bühne untergebracht ist, hat Dan Ayling viel Platz für seine Inszenierung. Geschickt nutzt er die Möglichkeit, die jeweilige der insgesamt elf Szenen mit einigen schnell austauschbaren Requisiten anzudeuten und durch Lichteffekte zu verstärken. Die Szene an den bunten, verlockenden Verkaufsständen hat eine geradezu tragische Dimension, da sie dem Unsichtbaren im zunehmenden Maße nichts mehr bedeuten.

Umsichtiger Dirigent: Richard Baker

   Nicholas Morris hat einen sehr wandelbaren, flexiblen Bariton, den er in der schwierigen Partie des Invisible optimal einzusetzen versteht. Was für einen Wandel macht er durch vom Naivling zur tragischen Figur! Seine Begegnung mit der von der Sopranistin Anna Dennis intensiv gestalteten „Anderen Unsichtbaren“ wird zum tragischen Höhepunkt der Oper. Fünf weitere hervorragende Gesangssolisten treten in mehreren kleinen Rollen auf. Sie alle werden von Richard Baker sicher und umsichtig durch die Partitur geführt. Viel Applaus von einem begeisterten Premierenpublikum!

Britten und Amerika

   „Britten und Amerika“ heißt das Hauptthema des 17 Tage währenden Aldeburgh Festivals, das im Red House, Brittens letztem Wohnsitz, mit einer vorzüglich recherchierten Ausstellung begleitet wird.  Im Mittelpunkt stehen also die für sein Schaffen und sein Privatleben gleichermaßen wichtigen drei Jahre vom April 1939 bis zu seiner Rückkehr nach England im April 1942. Selbst während der langen, gefährlichen Rückfahrt auf einem schwedischen Frachtschiff entstanden zwei wundervolle Kompositionen, „Ceremony of Carols“ und „ Hymn to St Cecilia“. Letztere steht in diesem Jahr ebenso auf dem Programm wie die anderen Meisterwerke seiner „Amerikanischen Jahre“.

Violinkonzert mit Vilde Frang

Seine vielleicht beste Schöpfung aus dieser Zeit ist sein einziges und einzigartiges Violinkonzert, das im Untertitel „Aus der Neuen Welt“ heißen könnte. So wird es denn auch zusammen mit Dvořáks berühmter Sinfonie aufgeführt, mit Vilde Frang (Violine) und dem Dirigenten Mark Wigglesworth.  Die wenig bekannte „Sinfonia da Requiem“ (1940) erfährt durch die passionierte Interpretation von John Wilson und dem brillant aufgelegten BBC Scottish Symphony Orchestra die längst fällige Aufwertung, die für Wittgenstein geschriebenen „Diversions for Piano Left Hand and Orchestra“ kommen endlich zu ihrem Recht durch das hoch engagierte Spiel des Pavel Kolesnikov, und der von Colin Matthews orchestrierte Zyklus „Seven Sonnets of Michelangelo“ verdeutlicht in seinen lyrischen Passagen, dass dies ursprünglich Brittens geheime Liebeserklärung an den Tenor Peter Pears war. Ihren gemeinsamen Aufenthalt in Amerika haben sie dazu genutzt, endlich zueinander zu finden, für ein ganzes Leben.

Bernstein und Britten

   Leonard Bernstein und Benjamin Britten haben viel voneinander gehalten, und da liegt es ja auf der Hand, dass Lennies 100. Geburtstag auch in Aldeburgh gefeiert wird. Er hat schließlich 1946 die amerikanische Erstaufführung von „Peter Grimes“ geleitet, und in seinem letzten Livekonzert die „Four Sea Interludes“ aus dieser Oper auf dem Programm gehabt. Es ist interessant und erhellend, diese beiden charismatischen Komponisten miteinander zu vergleichen. In Aldeburgh gibt es dafür reichlich Gelegenheit!

www.snapemaltings.co.uk

Vorverkauf: +44 01728 687110 / Das Festival endet am 24. Juni.

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