Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur „Filme sollten wie Sprungschanzen sein“
Nachrichten Kultur „Filme sollten wie Sprungschanzen sein“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:58 04.01.2012

Wer es doch tut, womöglich auch nicht, denn der Österreicher bringt nun mal keine Gute-Laune-Filme in die Kinos. Der 64-Jährige hat den Begriff von der „Vergletscherung der Gesellschaft“ geprägt, die er seit Jahren ebenso kunstvoll wie unerbittlich seziert. In seinem neuen preisgekrönten Werk

Das weiße Band zeigt sich der 67-Jährige in bestechender Spätform. Wieder geht es um Gewalt und Schuld. Er erzählt von einer Dorfgemeinschaft in Norddeutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Wenn der Abspann läuft, sind noch viele Fragen ungeklärt. Warum mögen Sie eigentlich offene Schlüsse so gern?

Die Literatur hat gegenüber dem Medium Film einen großen Vorteil: Sie lässt die Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Der Film nimmt dem Zuschauer die Bilder weg. Er stiehlt sie ihm, indem er ihm fertige Bilder vorsetzt. Seit ich Filme mache, plage ich mich mit der Frage herum, wie schaffe ich es, dem Zuschauer etwas mehr Freiheit gegenüber diesem Medium zu geben? Das heißt, sich selber einbringen, was er in der Literatur und anderen Künsten automatisch kann. Im Film gibt es da ja nur zwei Möglichkeiten. Die Benutzung des Off, also dessen, was außerhalb des Bildes stattfindet. Und die Dramaturgie. Wie konstruiere ich eine Geschichte, wie offen lasse ich sie, dass der Zuschauer sie vollenden will oder muss? Das ist das Grundprinzip bei all meinen Filmen.

Je weniger man nach dem Ende des Films also sicher weiß, desto besser hat dieses Prinzip funktioniert?

Ja. Ein Film sollte gebaut sein, wie eine Sprungschanze. Springen muss der Zuschauer. Aber man muss die Schanze natürlich so bauen, dass er springen kann, sonst fällt er ja runter. Die Spannung muss groß genug sein, dass er einen Schub bekommt. Meistens wird man doch so vollgestopft mit Informationen, dass man nach Hause gehen kann und den Film getrost vergessen darf. Ich bin immer verärgert, wenn man mir im Kino die Welt erklärt hat.

Welche Beziehungen sehen Sie zwischen Erziehung und Terrorismus?

Jeden, der Kinder hat, interessiert doch die Frage, was ist Erziehung? Was bewirken Verletzungen? Allen Radikalismen geht eine Grundsituation voran. Es ist eine von Unbehagen, Unterdrückung, Frustration und Hoffnungslosigkeit. Dann kommt jemand mit irgendeiner Idee und sagt: Wir werden das Problem lösen. Da ergreift man diesen Strohhalm. Ob er ein linker oder rechter Faschist ist, oder ihn die Religion antreibt - das Prinzip ist immer gleich.

Wie sieht Ihr eigenes Rezept für eine gute Erziehung aus?

Ich habe keins. Ich gehöre ja der 68er-Generation an, deren Kinder meist antiautoritär erzogen wurden. Wir haben gesehen, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss war. Ich habe selbst vier Kinder und das Gefühl, dass ich unheimlich viel falsch gemacht hab' Es kann einem angst und bange werden, wenn man durch die Jahrhunderte verfolgt, was den Leuten angetan wurde und wie schnell sie bereit waren Blut fließen zu lassen für irgendeine Ideologie. Der deutsche Faschismus ist dafür das prominenteste Beispiel. Die Kinder aus diesem Film sind die Erwachsenen in der NS-Zeit.

Das erklärt die Zeit, aber noch nicht die Geografie und die Religion. Warum halten sie ausgerechnet den norddeutschen Protestantismus für geeignet, um diese Problematik zu transportieren?

Protestantismus ist eine viel rigoristischere Form des Glaubens als der Katholizismus. Im Katholizismus geht man zum Pfarrer, der sagt: Du betest zehn Vaterunser und dann ist dir deine Schuld vergeben. Die Protestanten müssen selbst damit umgehen. Das ist zwar intellektuell spannender, aber auch unangenehmer. Das Klischee des tüchtigen Deutschen, diese Arbeitsmoral, waren für mich Anfangsgründe, um mich mit dieser Thematik überhaupt zu beschäftigen. Auch die Dokumentation über den Eichmann-Prozess. Genau diese totale Obrigkeitshörigkeit hat viel mit diesem lutherischen Protestantismus zu tun. Die Kinder in meinem Film verabsolutieren diese Idee, nach der sie erzogen werden. Sie bestrafen die, die sie lehren, aber nicht danach leben. Sie machen sich sozusagen zur rechten Hand Gottes, mehr als es der Pfarrer je ist.

Wie düster wird erst ihr nächster Film?

Er hat ein sehr lustiges Thema.

Das meinen Sie nicht im Ernst?

Na ja. Es geht um die Demütigung durch die Folgen des Verfalls im hohen Alter. Isabelle Huppert spielt auch wieder mit.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ungeschlacht wirkende Skulpturen aus Eichenholz hier, filigrane Fäden-Bilder und Papp-Figurinen dort: Mit den Arbeiten von Irmel und Felix Droese in der Ausstellungsreihe „Künstlerpaare“ hat Kurator Valentin Rothmaler in Lübecks Kulturkirche St.

03.01.2012
Kultur Dirk Luckow will den Hamburger Deichtorhallen markantes Profil verleihen - Starke Partner gefragt

„Für mich gehören die Deichtorhallen zu den schönsten Ausstellungshäusern in Europa“, schwärmt Dirk Luckow, 51, seit 14 Tagen neuer Intendant des Ausstellungshauses. „Die weiten Räumlichkeiten sind ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal.“ Luckow, der nach sieben Jahren Direktorenschaft in der Kunsthalle zu Kiel in seine Geburtsstadt Hamburg wechselt, übernimmt ein zweigeteiltes Haus.

04.01.2012
Kultur Erlebnis für die Sinne: ARoS Kunstmuseum zeigt mit „Sense City“ eine große Solo-Show des dänischen Künstlers Jeppe Hein - „Folge der Kugel!“

Was kann schöner sein? Ein Museumsdirektor, der stolz ist, ihm die erste große Museumsausstellung auszurichten, und ein Künstler, der glücklich darüber ist, dass er nach rasantem internationalem Erfolg nun auch in seiner Heimat zeigen kann, was Museen und Ausstellungshäuser zwischen London, München, Paris und New York präsentieren. Jeppe Hein, 1974 in Kopenhagen geboren und seit Jahren mit Studio in Berlin, trägt das Blitzlichtgewitter mit heiterer Gelassenheit, das im ARoS, Dänemarks größtem Museum für Gegenwartskunst, über ihn hinweg flackert.

03.01.2012
Anzeige