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18:01 16.05.2018
Schicksalhafte Begegnung: Die erfolgreiche Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) fühlt sich von Elle (Eva Green) verstanden. Quelle: Foto: Studiocanal
Hannover

Bedrohlich nahe rücken die Fans in der Buchhandlung an die Schriftstellerin heran. Die Kamera zeigt ihre Gesichter aus der Perspektive der Autorin. Während sie fleißig ihren Erfolgsroman signiert, tröpfeln freundliche Worte aus übergroßen Mündern auf Delphine (Emmanuelle Seigner) herab: Mut habe ihr Buch gemacht, innerlich bewegt, zum Nachdenken über die eigene Existenz gebracht.

Eine Schriftstellerin will der Leserzuwendung entfliehen

Kaum zu glauben, welchen Einfluss Literatur haben kann – besonders dann, wenn diese mit einem Echtheitszertifikat belegt ist und damit als glaubwürdig gilt. Delphine hat den Tod ihrer Mutter in dem Buch öffentlich gemacht. Und nun glauben alle, ganz genau zu wissen, was sich da für eine Tragödie in ihrer Familie abgespielt hat.

Delphine möchte sich wegducken, einfach aufstehen und fliehen vor so viel Zuwendung. Aber die Schlange vor ihr wird einfach nicht kürzer. Sie kann nicht mehr, der Erfolg ist ihr über den Kopf gewachsen. So wird sie ihre akute Schreibblockade nie los, die sie bei ihrem Nachfolgebuch befallen hat.

Und dann steht da diese junge, strahlende Frau mit dem leuchtend roten Lippenstift vor ihr, die so selbstsicher vom ersten Moment an das Kommando übernimmt. Elle – so wie das französische weibliche Personalpronomen – nennt sie sich. Der Name komme von Elisabeth, sagt Elle (Eva Green).

Die Autorin ist bereit, sich der Ghostwriterin zu ergeben

Elle kann zuhören. Sie scheint zu wissen, was richtig und was falsch für die erschöpfte Delphine ist. Die Autorin ist nur allzugern bereit, sich dieser Frau zu ergeben. Vor allem beim Schreiben: Denn Elle ist vom Fach. Sie arbeitet als Ghostwriterin.

Das ist schon mal ein hübscher Bezug zu Roman Polanskis Filmografie. Der polnisch-französische Regisseur hat 2010 einen Thriller über einen Ghostwriter verfilmt, der auch „Ghostwriter“ hieß. Schon da war schwer zu ermitteln, wo die Grenze zwischen Fakten und Fiktion im Leben eines ehemaligen britischen Premierministers verlief, der allerhand Dreck am Stecken hatte.

Und geht es nicht auch in Polanskis frühem Film „Ekel“ (1965, mit Catherine Deneuve) um unterschiedliche Wahrnehmungen der Welt, um Halluzinationen und schizophrenes Verhalten?

Die geheimnisvolle Elle nistet sich in Delphines Leben ein

Auch in Polanskis aktuellem Film „Nach einer wahren Geschichte“ lösen sich die Sicherheiten auf, je länger der Film dauert. Polanski hat Delphine de Vigans gleichnamigen Roman verfilmt. Der Buchtitel führt bewusst in die Irre: Was ist wahr, und was ist erfunden an einer Geschichte, in der eine echte Pariser Bestsellerautorin einen Roman über eine fiktive Pariser Bestsellerautorin schreibt und beide denselben Namen tragen?

Die geheimnisvolle Elle nistet sich im Leben von Delphine ein. Sie zieht bei ihr ein, weil sie angeblich ihre eigene Wohnung aufgeben muss. Sie beantwortet in Delphines Namen deren E-Mails. Sie erklärt sich sogar bereit, zu Lesungen zu fahren und sich als die Schriftstellerin auszugeben, um diese zu entlasten. Auch bei der Kleidungsauswahl werden sich die beiden immer ähnlicher.

Elle ist bald schon Delphines beste Freundin – was nicht heißt, dass sie nur nett ist. Elle kann schrecklich eifersüchtig sein. Sie erträgt es kaum, wenn Delphine auch nur ein Interview gibt, ohne dieses mit ihr abzusprechen. Als Delphine sich ein Bein bricht und Elle mit ihr ins Landhaus aufbricht, ist die Romanautorin ihrer besitzergreifenden Freundin ausgeliefert. Könnte es sein, dass Elle Schlimmeres im Schilde führt?

Polanski spielt das Thrillerpotential der Geschichte nur bedingt aus

Unwillkürlich stellen sich Assoziationen zu Rob Reiners „Misery“ (1990) ein, in dem ebenfalls ein Erfolgsautor in die Hände seines größten Fans gerät. Aber das Thrillerpotenzial spielen Polanski und sein Drehbuch-Koautor Olivier Assayas nur bedingt aus. Dieser Film setzt (leider) weniger auf Spannung, bietet dafür aber ein verwirrendes Vexierspiel. Was passiert denn nun wirklich in Delphines Leben, die plötzlich in der Beziehung zu Elle den Stoff für ihren nächsten Roman entdeckt?

Der mittlerweile 84-jährige Roman Polanski hat selbst ein filmreifes Leben geführt, an dem die Öffentlichkeit bis heute regen Anteil nimmt. Der aus einer jüdischen Familie stammende Junge überlebte bei einer polnischen katholischen Bauernfamilie die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Seine Frau Sharon Tate wurde 1969 durch die Manson Family ermordet (diese Tragödie will Quentin Tarantino jetzt verfilmen).

Bis heute versucht die US-Justiz, Polanskis habhaft zu werden, weil der 1977 eine Minderjährige in Hollywood sexuell missbraucht hat – deswegen hat die Hollywood-Academy den Oscar-Preisträger (mit „Der Pianist“, 2002) vor ein paar Tagen aus ihren Reihen ausgeschlossen.

Vielleicht hat den Regisseur „Nach einer wahren Geschichte“ auch deshalb fasziniert, weil sich eine Figur hier dem Zugriff des Publikums geschickt entzieht. Hinter dessen Zweifeln und Unsicherheiten kann sich der Regisseur wunderbar verbergen.

Von Stefan Stosch / RND

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