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Kultur Kinder an die Macht – „Wohne lieber ungewöhnlich“
Nachrichten Kultur Kinder an die Macht – „Wohne lieber ungewöhnlich“
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00:16 20.05.2018
Die Kleinen bestimmen, wo es langgeht: Eltern und Kinder in der Familienkomödie „Wohne lieber ungewöhnlich“. Quelle: Neue Visionen
Hannover

„Bevor ich wusste, was Glück ist, wusste ich, dass es vergänglich ist“ – das ist eine ganz schön abgeklärte Feststellung für einen Dreizehnjährigen. Wenn Bastien (Teïlo Azaïs) auf einem Samtkissen die Trauringe vor zum Standesbeamten trägt, der seine Mutter Sophie (Julie Gayet) gerade mit ihrem dritten Mann vermählt, macht sich der Junge wenig Hoffnung, dass das eheliche Glück lange anhalten wird.

Bastien hat die Nase voll und schmiedet einen Plan

Die Scheidungsstatistiken untermauern seine Skepsis. Im Schnitt wird jede Ehe in Frankreich nach fünf Jahren geschieden und bringt währenddessen durchschnittlich 1,3 Kinder hervor. Bastien ist eines dieser Kinder und hat es mittlerweile auf sechs Halbgeschwister und acht Erziehungsberechtigte gebracht. Er hat drei verschiedene Zimmer über halb Paris verteilt und selten zwei Wochenenden hintereinander in derselben Wohnung verbracht.

Als es pünktlich nach fünf Jahren zwischen Sophie und Hugo (Lucien Jean-Baptiste) zu kriseln beginnt und sich die nächste Scheidung anzubahnen scheint, schmiedet Bastien einen Plan: Mit seinen Halbgeschwistern und einigen ähnlich geplagten Kusinen gründet er eine WG. Nicht die Kinder sollen nunmehr Woche für Woche ihre Sachen packen, sondern die Erwachsenen nach einem ausgeklügelten Schichtprinzip in der Wohngemeinschaft die erzieherische Betreuung übernehmen.

In einer Geheimaktion wird die Wohnung der verstorbenen Großmutter gekapert und die Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt. „Wir bleiben. Wir gehen nirgendwo hin“ schmettern die Kinder die Proteste der Erwachsenen ab, die sich widerwillig in das neue Betreuungskonzept einfinden.

Die Eltern werden von den Kindern in Reifungsprozesse getrieben

In seiner Komödie „Wohne lieber ungewöhlich“ betrachtet Gabriel Julien-Laferrière das Phänomen der Patchworkfamilie aus der Kinderperspektive und überzeugt mit einem originellen Lösungsansatz, der familiäre Kontinuität in wechselnden, elterlichen Partnerschaftsverhältnissen garantieren soll. Natürlich kommen die Eltern bei dieser Wahl der Perspektive nicht so gut weg und werden von den rebellischen Kindern in längst überfällige Reifungsprozesse hineingetrieben.

Das alles erzählt Laferrière jedoch ohne aufdringliche Botschaften und Katharsisprozesse, sondern mit leichter komödiantischer Hand. Im dysfunktionalen Erziehungsberechtigten-Kollektiv prallen zwar die Stereotypen aufeinander, aber in ihrer Gesamtheit bilden die Erwachsenen ein schillerndes und recht unterhaltsames Spektrum elterlichen Fehlverhaltens ab.

Viele Filmfiguren verhindern allzu großen Tiefgang

Mit 20 nahezu gleichberechtigten Filmfiguren gehen die Charakterisierungen zwangsläufig nicht zu sehr in die Tiefe. Zumal sich Laferrière und seine vier Drehbuchautoren auf die Konstruktion der Turbulenzen und die schlagfertigen Dialoge konzentrieren, in denen die Kinder den Eltern auch schon einmal Zitate von Claude Lévi-Strauss um die Ohren hauen.

Außerdem rutscht der abgeklärte Teenager Bastien auch noch in eigene Liebeserfahrungen hinein. Der lockigen, strahlenden, neuen Mitschülerin, die sich neben ihn setzen will, erklärt er erst einmal, dass sie sich ineinander verlieben und nach einer kurzen Phase des Glücks ohnehin nichts mehr zu sagen haben werden.

Soviel melancholisches Ungeschick muss natürlich mit einem amourösen Happy End belohnt werden.

Von Martin Schwickert / RND

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