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Kultur „25 km/h“ – Mein Mofa ist meine Harley
Nachrichten Kultur „25 km/h“ – Mein Mofa ist meine Harley
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06:00 30.10.2018
Von wegen Helmpflicht: Die Brüder Christian (Lars Eidinger, l.) und Georg (Bjarne Mädel) tuckern ihrer Jugend hinterher. Quelle: Foto: Sony
Hannover

Die entscheidende Regel für Roadmovies lautet: Wer sich auf eine Reise begibt, kommt am Ende bei sich selbst an. Dem Kinopublikum ist das klar. Nur die Betroffenen selbst ahnen davon seltsamerweise nie etwas. Aber sonst würde das Zuschauen ja auch keinen Spaß machen.

Der verantwortungslose Bruder kommt auch zur Beerdigung zu spät

Christian und Georg haben noch ein paar andere Regeln für ihren Trip aufgestellt, zum Beispiel diese: Unterwegs muss die Speisekarte eines griechischen Restaurants auf einen Schlag von oben bis unten verputzt werden. Nachts muss eine schlafende Kuh auf der Weide umgestoßen werden. Sex und Drogen sind keinesfalls abzulehnen. Und am Ziel am Timmendorfer Strand wird in die Ostsee gepinkelt.

Nun ja, diese Regeln und noch ein paar mehr stammen aus einer Zeit, als die beiden Teenager und stolze Besitzer zweier Mofas waren. Das ist 30 Jahre her.

Nun ist der gestresste Manager Christian (Lars Eidinger, gerade auch als Nickelbrillenträger Bertolt Brecht im Kino) aus Singapur nach Löchingen in den Schwarzwald zurückgekehrt: Sein Vater ist gestorben – und Christians Bruder Georg (der „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel), heimatverwurzelter Schreiner, ist tief verletzt und richtig sauer. Denn erstens musste er sich allein um den krebskranken Vater kümmern, und zweitens kommt Christian sogar zur Beerdigung zu spät. 20 Minuten lang stand er im Taxi vor einer Schranke im Schwarzwald, der Bummelzug ruckelte einfach nicht heran.

Bis in die kleinsten Nebenrollen ist „25 km/h“ toll besetzt

Dieser Auftakt ist erst mal gelungen: Es herrscht Stillstand im Roadmovie. Zu diesem Zeitpunkt hat die Reise allerdings noch gar nicht richtig begonnen. Los geht es erst mitten in der Nacht nach der Beerdigung.

Da haben sich Christian und Georg schon ein wenig zusammengerauft und vor allem tüchtig betrunken, dann die Reiseregeln aus Teenagerzeiten sowie die Landkarte unter der verstaubten Tischtennisplatte und schließlich auch noch die beiden alten Mofas in der Garage gefunden. Denn diese Reise wird – siehe Filmtitel – mit „25 km/h“ und Zündapp-Technik unternommen. Es handelt sich folglich um ein eher entschleunigtes Unterfangen, was glücklicherweise nicht für die Art des Erzählens gilt. Da macht der Film tüchtig Tempo.

Regisseur Markus Goller und Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg haben mit „Friendship!“ vor acht Jahren schon einmal ein erfolgreiches Roadmovie quer durch die USA abgeliefert. Auch jetzt bedienen die beiden wieder all die Klischees, die in so einem Kinostoff stecken. Aber sie lassen stets ironisch durchblicken, dass sie sich dessen bewusst sind und kriegen immer noch die Kurve, bevor es rührselig oder gar peinlich wird.

Born to be Wild bis zum Timmendorfer Strand

Zwischen Klamauk und Lebensernst finden sie einen schlingerfreien Kurs Richtung Timmendorfer Strand – auch wenn die beiden Brüder erst einmal entscheiden, bei jeder zweiten Abfahrt links abzubiegen, was sie nicht wirklich voranbringt.

Vor allem aber verfügen die Filmemacher über Schauspieler, die beherzt die Sau rauslassen. Bis in die Nebenrollen ist diese Komödie exzellent besetzt. Eidinger hockt so lässig auf seinem Mofa (zwischendurch in Unterhose), als würde er eine Harley Davidson unter seinem Hintern haben. Bjarne Mädel entwickelt sich vom zögerlichen Zweifler zum beherzten Entscheider, der wenigstens momenteweise alle Ängste ablegt und seinem Bruder tiefere Wahrheiten unter die Nase reibt.

Unterwegs sind wie auf jeder guten Reise Heldentaten zu bestehen: ein wahrlich begnadeter Stepptanz beim Weinfest (zwecks Eroberung zweier Lokalschönheiten, gespielt von Franka Potente und Alexandra Maria Lara), ein Fußballspiel mit Jugendlichen (um Christians Sohn zu begegnen, der aber nicht weiß, dass er seinen Vater vor sich hat), ein Abend in einem Selbsterfahrungscamp (mit einer gegen ihr „Fack ju Göhte“-Image besetzten, geradezu altersweisen Jella Haase) und ein Tischtennisspiel mit den Mofas als Wetteinsatz.

Ein Tischtennismatch mit Wotan Wilke Möhring als Höhepunkt

Das Tischtennismatch ist ein echter Höhepunkt: Der Gegner ist Wotan Wilke Möhring als Campingplatz-Hinterwäldler, der keine Gnade kennt. Bald schon ist er im Sauseschritt mit bester Kondition und Flitzebogen hinter den flüchtigen Mofafahrern her, die ihr Gefährt nicht hergeben wollen.

Zwischendurch fragt man sich, wie die Brüder die Beerdigungsanzüge samt weißem Hemd und Schlips jeden Morgen wieder in Form bekommen. Nur die glänzenden Lederschuhe kriegen ein paar Flecken. Am Ende hätten Goller und Ziegenbalg auch dem Impuls widerstehen sollen, partout jeden Konflikt zum Guten zu wenden.

Andererseits: Wenn Georg nach der Rückkehr nach Löchingen auf Tanja (Sandra Hüller mit tollen Schwarzwald-Dialekt) wartet, so wie er es schon seit ewigen Zeiten getan hat, um endlich mit ihr auf der Zündapp loszuknattern, dann wünscht man ihm von Herzen Glück – und dass er endlich seinen Beerdigungsanzug loswerden möge.

Von Stefan Stosch / RND

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