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Kultur „Bohemian Rhapsody“ – Mercury im Märchenland
Nachrichten Kultur „Bohemian Rhapsody“ – Mercury im Märchenland
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06:00 29.10.2018
Verblüffend ähnlich: Rami Malek hat sich Posen und Haltung des legendären Queen-Sängers Freddie Mercury erarbeitet. Quelle: Foto: Fox
Hannover

Das „We“ im Songtext von „We Will Rock You“ war selbstreferentiell, ein Versprechen, das die Band Queen, ob live oder auf Platte, immer einlöste. Das „We“ in ihrem „We are the Champions“ aber schloss den Hörer mit ein. Alle waren Sieger. Und die Band mit dem schnörkeligen Gitarrenklang Brian Mays und dem pompösen Gesang Freddie Mercurys war eine Band für alle. Sie schaffte es, sich optisch und akustisch im Weltgedächtnis zu verankern. Bis heute.

Der Film „Bohemian Rhapsody“ erzählt ein Rockmärchen

Wie die Beatles liebten Queen das Experiment, sie spielten mit den Stilen, klangen immer anders – konnten Plüsch („Somebody to Love“) und Punk („Sheer Heartattack“), Rock’n’Roll („Crazy Little Thing Called Love“) und Funk („Body Language“). Gerade erst war der Hip-Hop mit „Rapper’s Delight“ aufgeblüht, da schickten die vier Tausendsassas mit „Another One Bites the Dust“ den ersten Rap-Rock in den Äther.

Der Film „Bohemian Rhapsody“ zeigt, wie sehr Schlagzeuger Roger Taylor darunter litt, dass aus Queen 1980 – nach dem Willen von Bassist John Deacon und Sänger Mercury – auch eine Dancing Queen werden sollte. „Wir sind eine Rock’n’Roll-Band!“, empört er sich.

Erzählt wird in dem Film ein Rockmärchen. Eine kleine Popgruppe namens Smile spielt 1970 in kleinen Londoner Klubs vor überschaubarem Publikum. Just an dem Abend, an dem der Frontmann Tim Staffell aussteigt, um Größeres zu unternehmen, ist der junge Farrokh „Freddie“ Bulsara (Rami Malek) vor Ort, Sohn von Flüchtlingen aus Sansibar, der sich anbietet, einzuspringen.

Juxen über Freddies Überbiss, Staunen über die Stimme

Zunächst amüsiert sich Schlagzeuger Roger Taylor noch über den gewaltigen Überbiss des Aufschneiders. Dann lässt Freddie seine Stimme probeweise steigen. Er hat den Job. Queen sind geboren, aus dem Flughafengepäckträger Bulsara wird die Rockikone Mercury.

Es ist die Superheldengeschichte einer Band, schließlich hat „X-Men“-Regisseur Bryan Singer Regie geführt. Es gibt hier viele Gute, besorgte Heldeneltern und einen richtigen Schurken, der Freddie Mercury von Queen trennen will. Die Band besteht aus vier Freunden, die sich als Familie begreifen und meist nett zueinander sind. Gefechte laufen so harmlos ab wie bei den Beatles, als sie im Film „A Hard Day’s Night“ (1964) eine Comedy-Variante ihrer selbst spielten.

Sex und Drugs sind auch weitgehend gestrichen. Der ganze gefährliche Rock’n’Roll-Zinnober ist hier nur enttäuschendes Sissi-Zeug für Familienunterhaltung. Und wenn die Kamera am Ende über das Live-Aid-Publikum im Wembley-Stadion hinwegfährt, ist kein einziger Queen-Nichtmöger zu finden, der brummig in sein Bier stierte. Ausnahmslos alle singen, feiern, schauen sich treuherzig in die Augen wie Susi und Strolch beim Spaghettidinner.

„Bohemian Rhapsody“ ist Rafi Maleks Film

Wären nicht die tollen Songs, man würde glatt einschlafen. Dass manche Lieder um Jahre zu früh oder zu spät im Queen-Oeuvre verortet werden, ist ziemlich peinlich für Regisseur Singer, der am Set angeblich wie eine Rockdiva zickte, sich oft verspätete wie die Monroe und zwei Wochen vor Drehschluss von seinen Pflichten entbunden wurde.

„Bohemian Rhapsody“ ist Rami Maleks Film. Der Star der Serie „Mr. Robot“, Sohn ägyptischer Eltern, hat sich Haltung, Posen und Performance Freddie Mercurys in monatelangen Proben exakt erarbeitet. Wenn er als Bühnenpfau über die Rampe wirbelt oder eine Party anzettelt, fallen dezente optische Unterschiede zum Original nicht mehr ins Gewicht. Showtime!

Die inneren Konflikte Mercurys – Entfremdung, Einsamkeit, Erkenntnis der Homosexualität – spielt Malek überzeugend, auch wenn dem Drehbuch zu Mercurys Frühlingserwachen nicht mehr eingefallen ist als verstohlene Blicke auf knackige Kerlehintern, während Freddie mit seiner Mary (Lucy Boynton) telefoniert, der er den Song „Love of my Life“ gewidme hatte.

Queen starben 1991, als Freddie Mercury starb

Die übrigen Bandmitglieder? Gwilym Lee sieht haargenau aus wie Gitarrist Brian May, Ben Hardy wie Drummer Taylor. Nur Joseph Mazzalo grinst als Bassmann John Deacon so monomimisch in die Kamera, dass er sich mit dieser Leistung für die Realverfilmung des Lebens von Donald Duck empfiehlt. Ist diese Besetzung möglicherweise die Rache der Ko-Produzenten May und Taylor an Deacon, der mit den abgeschmackten Queen-Tourneen nach Mercurys Aids-Tod nichts zu tun haben wollte?

Queen starben 1991, als Mercury starb. Was danach unternommen wurde, den Mythos zu strecken, ist so vergessenswert wie dieser Film, der vom Rock’n’Roll erzählt, ohne Rock’n’Roll zu sein. Freddie hätte ihn vermutlich nicht gemocht.

Von Matthias Halbig / RND

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