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Kultur Filmregisseur Fatih Akin über „Soul Kitchen“: Helden verteidigen ihre Heimat
Nachrichten Kultur Filmregisseur Fatih Akin über „Soul Kitchen“: Helden verteidigen ihre Heimat
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19:03 22.09.2009
Hamburg

Sie entwickeln sich allmählich zum Preishamster.Über die Auszeichnung in Venedig freue ich mich aber ganz besonders. Denn dass Soul Kitchen einen Preis gewinnt, hatten wir wirklich nicht erwartet.Für Ortskundige ist der Film reich an bekannten Locations, bekannten Schauspielern und zahlreichen Anspielungen. Wie sieht das Publikum in Italien und Kanada ihn? Was wollen die Leute von Ihnen wissen?Alle wollen irgendwie nach Hamburg ziehen. Das ist echt abgefahren.Sind Sie zum Botschafter geworden?Genau. Hamburg ist scheinbar gerade „the place to be“. Dass es hier so cool sein kann, hätten sie nicht gedacht. So eine gute Club-Szene und was für eine schöne Stadt. Da haben sich jetzt recht viele Ressentiments erledigt. Der Film bläst das alles weg.Sie waren mit Ihren Filmen schon auf vielen internationalen Festivals. Wie wichtig ist es da überhaupt noch, dass „Soul Kitchen“ das Filmfest eröffnet?Sehr wichtig, denn dort ist er ja wirklich zu Hause, und wir haben den Film ja auch für Hamburg gemacht. Ich hatte das Gefühl, ich schulde der Stadt noch einen Film. Ich dachte, mach das noch, bevor es zu spät ist. Was weiß ich, wohin die Zukunft mich verschlägt.Sind Sie schon auf dem Absprung?Der nächste Film wird mit Sicherheit nicht in Deutschland spielen. Vielleicht der übernächste auch nicht. Es gibt da ein paar Projekte, die ich ganz gern von langer Hand planen würde. Es werden wahrscheinlich trotzdem deutsche Filme, weil sie mit deutschen Geldern finanziert werden. Deshalb freue ich mich sehr auf die Vorführung in Hamburg. Es ist schon etwas Besonderes.Gibt es für Sie als Filmemacher in Hamburg überhaupt noch Neues zu entdecken?Habe ich ja mit Soul Kitchen. Den Weg nach Wilhelmsburg zum Beispiel über die Elbbrücken. Aber es ist nicht mein letzter Hamburg-Film. Ich würde so in zehn Jahren gern noch mal einen Film über jemand machen, der auf dem Dom arbeitet. Ich wette, es gibt hier noch viele Türen, Luken und Kasematten, in die man reingucken kann.Sie haben „Soul Kitchen“ als Heimatfilm bezeichnet. Wollen Sie einem verrufenen Genre eine neue Wertigkeit verleihen?Eigentlich war das gar nicht meine Idee, sondern die von Marcus H. Rosenmüller. Er hat das Genre in Wer früher stirbt, ist länger tot quasi neu erfunden. Ich fand es gut, wie lokalpatriotisch und heimatverbunden er darin mit Bayern umgegangen ist. Und Kino soll ja gerade viel Identität ausstrahlen. Ich bin kein Landei, sondern mehr der Großstadttyp, aber Großstadt kann ja auch Heimat sein. Die Stadt im Film darzustellen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Da gibt es in Deutschland eine lange Tradition von Metropolis bis zu Der amerikanische Freund. Da Hamburg meine Heimat ist und ich einen Kreis schließen wollte, geht es diesmal nicht darum, dass die Protagonisten am Ende der Welt ihre wahre Identität finden. In diesem Film verteidigen die Helden ihre Heimat. Der nächste konsequente Schritt wäre eine Geschichte über Leute, die hier verwurzelt sind, aber rausgeschmissen werden. Das könnte auch ein Thema für mich sein.Sie haben das Drehbuch zusammen mit Adam Bousdoukos geschrieben, der wie sein Filmcharakter als Wirt gearbeitet hat und Vorbild für diese Geschichte war. Wie funktionierte das?Fünf Jahre haben wir darüber kommuniziert. Irgendwann haben wir es liegen lassen, weil wir dachten, wir machen es nicht mehr. Vor zwei Jahren sind wir nach Amerika gegangen, weil wir einen Western drehen wollten. Er sollte in den 20er-Jahren spielen. Wir wollten dafür sogar Ellis Island in Berlin nachbauen lassen. Am Ende der Reise saßen wir in einem Motel in Albuquerque. Ich sagte zu ihm: Wir werden es zusammen nicht schaffen. Für den Film brauche ich ein Budget von 15 Millionen. Das bekomme ich mit dir nicht finanziert. Dafür brauche ich jemand wie Johnny Depp. Sorry! Er hat gefragt: Und jetzt? Da habe ich gesagt: Lass und nach Hamburg fahren und „Soul Kitchen“ machen.Über ihrem Schreibplatz in Ihrer Wohnung hängt ein Poster von Billy Wilder. War er eine Art Schutzheiliger für diesen Film?Er war ein Patron und Orientierungspunkt. Er ist einer der besten Komödienschreiber aller Zeiten. Genial. Dabei ist das Leichte so schwierig hinzubekommen. www.soul-kitchen-film.com

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