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Kultur Untaugliche Anklage mit Beethoven
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15:47 29.01.2018
Im Wartesaal der Geschichte, politische Gefangene hinter der Blümchentapete, Abhöreinrichtungen und falsche Glücksversprechen: Werner Van Mechelen als Don Pizarro (2.v.l.), Simone Schneider als Leonore (5.v.l.), Melissa Petit als Marzelline (r. am Klavier) und weitere Mitglieder des Chors und Ensembles. Quelle: Christian Charisius
Kiel

Die Mauer ist weg, Luft und Sonne aus dem germanischen Wald ins Riesengefängnis geströmt – und nun? Nun wartet wohl die Wessi-Käseglocke des wölfischen Turbokapitalismus auf die zarten Rehlein. Demonstrativ geht im hanseatischen Pfeffersack-Zuschauerraum auch prompt das Zeigefinger-Licht an: Ihr wart das!

Georges Delnon beendet so den letztlich untauglichen Versuch, Beethovens Rettungsoper Fidelio als politische Allegorie für das deutsch-deutsche Nachwende-Dilemma zurechtzubiegen. Das Programmheft ist eine schwer notwendige Bedienungsanleitung, strotzt vor Erklärungsversuchen. Was man auf der Einheitsbühne von Kaspar Zwimpfer sieht, ist eine traurige Gefängnisaufseher-Bürowohnung, wo die hohen Betonfenster an Mauerelemente erinnern und hinter der Ossi-Blümchentapete die politischen Gefangenen in Ordnerregalen vegetieren. Marzelline klimpert Beethovens Für Elise und hat einen Traum, der zum Alptraum werden wird: Sie verknallt sich in Leonore, die aber als Fidelio ihre Wessi-Klamotten mit Vopo-Uniform tarnt und den eingekerkerten Neues-Forum-Denker und Dichter Florestan befreien will.

Will man diese plakativ platte Botschaft noch ansatzweise akzeptieren, stört man sich aber doch sehr an Delnons partiell zwar detailfreudigen (Jaquino als #metoo-Täter ...), zu oft aber völlig spannungslosen Personenregie (Kerkerszene!), gefährlich nah dem Konzertanten. Den Buh-Sturm des Premierenpublikums kann man somit nachvollziehen.

Durchwachsen fällt auch die musikalische Seite der Medaille aus. Immerhin sind die Frauen, analog zu einem weiteren Subtext Delnons, in Bestform: Mit leuchtender Resonanz singt Mélissa Petit die Marzelline; und die reizvoll eingedunkelt timbrierte Simone Schneider überzeugt bei ihrem Leonore-Debüt mit großer dramatisch  er Geste und angesichts vokaler Zumutungen tatsächlich ohne verkrampfte Schärfen.

Bei den Männern kann zwar Falk Struckmann als Kerkermeister Rocco durch Sprachmacht und Strahlkraft Autorität entwickeln – aber er klingt nun mal als heldischer Bariton nicht wie ein schwarzer Bass. Lieber hätte man ihn als Stasi-Chef Don Pizarro gehört, denn dem gemütlichen Werner van Mechelen fehlt es hier deutlich an bissiger Dämonie. Auch Kartal Karagedik ist als Minister nur ein freundlich säuselnder Wendehals-Minister. Tenor- und Bayreuth-Recke Christopher Ventris scheitert stimmlich in der gefürchteten Florestan-Arie am Höhen-Delirium, fängt sich aber danach ganz ordentlich.

Der verantwortliche GMD Kent Nagano hat mit den Philharmonikern differenziert abgemischte, frühromantisch aufblühende Beethoven-Klangfarben erarbeitet und kann auf die erstklassige Einstudierung des Gefangenenchors durch Eberhard Friedrich zählen. Dramatisch packend und durchgehend präzise in Vermittlung zwischen Bühne und Graben gelingt Naganos Dirigat aber nicht. Insgesamt ist all das für eine Staatsopernpremiere deutlich zu wenig Ertrag, um in der Champions League der Opernhäuser mitzumischen.

www.staatsoper-hamburg.de

Von Christian Strehk

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