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Kultur Netrebkos düsterer Lady-Macbeth-Triumph
Nachrichten Kultur Netrebkos düsterer Lady-Macbeth-Triumph
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18:40 18.06.2018
Von Jürgen Gahre
Starkes Königsmörderpaar: Die Lady (Anna Netrebko) und Macbeth (Placido Domingo). Die Aufzeichnung der Premiere wird am 21. Juni ab 20.15 Uhr im Kulturkanal Arte gezeigt. Quelle: Bernd Uhlig
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Berlin

An diesem herrlichen, sommerlich warmen Abend konnten nicht nur das Publikum im längst ausverkauften Opernhaus unter den Linden in den Genuss dieser sensationell besetzten Oper kommen, sondern auch all die vielen Musikfreunde, die die Liveübertragung auf dem Bebel Platz gratis verfolgten. Es war eine schöne Geste, dass sich die Künstler am Schluss auch diesem Publikum in Person zeigten.

   Harry Kupfer und sein Bühnenbildner Hans Schavernoch haben sich für die Hexenszene am Anfang der Oper eine Szenerie ausgedacht, die psychologisch überzeugt. Wir sehen rechts und links unzählige, nach einer Schlacht gefallene Soldaten, und plötzlich tauchen arme, verwahrloste Frauen auf, die sich über die Leichen hermachen und alles mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist: Uhren, Mäntel Geld und was sonst noch. So ergeben die fröhlichen Hexenchöre endlich einmal Sinn! Im Hintergrund sind brennende Städte zu sehen und gigantische Rauchwolken einer vielleicht gesprengten Ölquelle. Macbeth und Banquo erscheinen in reich dekorierten Uniformen, so wie man es von den Machthabern in Lateinamerika kennt. Es wird bald klar, dass die Kostüme, Helme und Uniformen keinem genauen Land und keiner genauen Zeit zuzurechnen sind und durch diese Zeitlosigkeit die Handlung eine bedrückende Aktualität gewinnt. Das Schloss, in dem die Lady auf Macbeths Rückkehr wartet, ist eine schief gestellte, wetterzernagte Ruine mit einer schicken, modern anmutenden Inneneinrichtung. Die Nachtwandlerszene der Lady findet in einer Eiseskälte suggerierenden Kulisse statt, was das Entsetzen über ihre Mordtaten weiterhin verstärkt.

   Es ist bedauerlich, dass man sich gegen die Aufführung der Ballettszene entschieden hat, obwohl Verdi ja für seine Pariser Neufassung des „Macbeth“ (1865) eine Ballettmusik geschrieben hat, die sehr wohl zur Gesamtatmosphäre des Stückes passt. Dass die Staatsoper auch auf das Finale mit dem martialischen „Inno di Vittoria“ verzichtet und statt dessen auf die Florentiner Urfassung (1847) mit Macbeths kurzer Arie „Mal per me che m‘affidai“ zurückgreift, ist wenig überzeugend.

   Der mittlerweile 77-jährige Plácido Domingo beherrscht über 150 Rollen und hat sie in fast 4000 Vorstellungen gesungen – eine ganz außergewöhnliche Leistung! Da er 2009 auch noch vom Tenor zum Bariton mutierte, standen ihm abermals viele große Rollen offen, neben Rigoletto, Nabucco, Gianni Schicchi und anderen eben auch Macbeth. Wie kaum ein anderer weiß er mit dem Verdi‘schen Idiom umzugehen, weiß, wie zu phrasieren und eine Melodie effektvoll zu singen ist. Seine jahrzehntelange Erfahrung setzt er natürlich auch hier, in der Rolle des Macbeth, mit Gewinn ein. Natürlich, er singt seine Partie sehr gut und makellos, und doch gelingt es ihm nicht, den Titelhelden zu wirklichem Leben zu erwecken. Im Vergleich zu Anna Netrebko wird das sogar besonders deutlich, denn sie hat eine ganz außergewöhnliche Bühnenpräsenz und eine geradezu fulminante Ausstrahlung. Sie interpretiert die Lady nicht, nein, sie ist die Lady, in allem, was sie tut. Die von ihr ausgehende Dämonie, die sich auch im angeblich freundlichen Umgang mit Menschen zeigt, ist in jedem Takt ihrer Partie präsent. Wie besessen fordert sie am Ende des dritten Aktes Macbeth auf, auch Banquos Sohn zu ermorden, und wenn er einwilligt, dann belohnt sie ihn mit Sex: hastig ziehen sich beide aus und fallen gierig übereinander her. Die Nachtwandlerarie der Lady wird von Anna Netrebko derart intensiv gestaltet, dass einem das Blut in den Adern gerinnen will: die tiefschwarzen Abgründe einer Seele nimmt man mit Schaudern wahr.

   Daniel Barenboim hat sich auf vielen Gebieten einen großen Namen gemacht, als Verdi-Interpret aber ist er international noch nicht wirklich hervorgetreten. Dass er sogar den jungen Verdi, den Verdi der „Galeerenjahre“, dirigiert, ist ihm hoch anzurechnen. Seiner Staatskapelle entlockt er zwar ausnehmend schöne Töne, trifft aber den Pulsschlag dieser vitalen, revolutionären Musik nicht wirklich. Trotzdem: ein großer Opernabend, dem das Premierenpublikum reichlich Applaus spendete.

www.staatsoper-berlin.de / weitere Aufführungen: 21., 24., 29. Juni; 2. Juli 2018 und 23. 5., 26.5. und 30. 5. 2019

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