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Kultur Rosemarie Kilian gestorben
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00:16 06.02.2014
Von Christoph Munk
Schauspielerin mit Willenskraft: Das Foto zeigt Rosemarie Kilian im Februar 2004 mit Daniel Karasek, damals noch Schauspiel-Intendant. Gemeinsam erarbeiteten sie Eric-Emmanuel Schmitts Monolog „Briefe an den lieben Gott“, der um das Sterben eines kleinen Jungen kreist.

„Revolutionskind“ – so nannte sie ihre Mutter, besonders wenn sie mit dem Kopf durch die Wand wollte. Und so nannte Rosemarie Kilian auch ihre 2003 veröffentlichen Erinnerungen an Leben und Bühne, in denen sie freimütig bekannte, wieviel Kraft sie fast täglich aufbringen musste, um ihren Traum vom Theaterspielen über die Jahre und Jahrzehnte Wirklichkeit werden zu lassen. 1919 in Landsberg/Warthe geboren, fand sie mit ihren Eltern bald in Bremen ihre Heimat, ließ sich dort und in Berlin als Schauspielerin ausbilden, durchquerte in ersten Engagements die Provinz, fand nach der Pflicht zur Truppenbetreuung einen Neuanfang in Stuttgart, spielte in Darmstadt, Karlsruhe, Gelsenkirchen, Osnabrück und Bonn, dann neun Jahre Theater in Freiburg, ehe sie Kiels damaliger Generalintendant Joachim Klaiber 1969 nach Kiel holte.

Das Engagement am hiesigen Schauspielhaus bezeichnete Rosemarie Kilian später als „unverhoffte Ruhe“ nach wechselvollen, anstrengenden Jahren, in denen die Existenz als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Spiel auf der Bühne ihre Stabilität fand. Und so wie sie sich wunderte, dass sie das für Schauspielerinnen gefährliche mittlere Alter im Engagement überstand, staunte sie Jahr für Jahr, dass ihr Vertrag stets verlängert wurde. „Sie erinnern mich so sehr an die Nachkriegszeit in Stuttgart“, zitierte sie Klaibers Antwort auf die Frage nach dem Grund für die Engagements. „Ich war also zum Erinnerungsstück geworden, das man als Nippes in den Glasschrank stellt und vergisst“, so formulierte sie es noch im vergangenen Herbst in einem ganz persönlichen Brief.

Erinnerung gewiss. Aber nicht einfach vergessen. Rosemarie Kilian hat auf den Kieler Bühnen vielen eindrucksvollen Rollen unauslöschliche Gestalt gegeben: Von unnachahmlicher Strenge ihre Hekabe in der Troja Trilogie, eine Figur von steingewordener Würde. Faszinierend die Titelrollen in Donna Margarida und Regina Madre, die von distanzierter Hingabe vibrierende Winifred Wagner in Hüterin des Grals. Dann wieder – so köstlich wie gewagt – zwei in Schönheit gealterte Frauen: Büchners Lena und die Rosetta gleich dazu. Ebenso profiliert zeichnete Rosemarie Kilian zahlreiche Nebenrollen, selbst die kleine Charge gab sie mit Finesse. Und ewig frisch bleibt ihr großes Alterssolo mit Oskar und die Dame in Rosa, als sie 2004 jenseits aller Sentimentalitäten eine mit kindlichem Gemüt und altersweisem Optimismus ausgestattete Begleiterin in den Tod mit Leben erfüllte. Lange wollte das Kieler Publikum auf dieses kleine Theaterwunder nicht verzichten – und erlebte mit der äußerst reduziert gestalteten, aber mit aller Erfahrung erfüllten Zueignung in Goethes Faust so etwas wie Rosemarie Kilians großes dramatisches Vermächtnis.

Da war zu sehen, wie sich auf der Bühne die gegen jeden Alterungsprozess gefeite Schönheit der Kunst offenbarte. Rosi, wie sie im Ensemble genannt wurde, widmete sich diesem Ziel mit Disziplin und Hingabe. Und sie forderte diese Tugenden von den Menschen in ihrer Umgebung, von den Kollegen wie von allen Verantwortlichen in der Politik auf allen Ebenen. Sie mischte sich gern und effektiv ein, für soziale Verbesserungen in ihrem Berufsstand, für die Existenzsicherung des Theaters, für die Aufwertung des Kieler Philharmonischen Orchesters zum A-Orchester und für eine menschliche, kulturell niveauvolle Gestaltung ihrer Stadt.

Generalintendant Daniel Karasek bewunderte auch diese Seite an Rosemarie Kilian. Mit ihrem Engagement habe sie auch den großstadtsüchtigen Menschen klar gemacht, dass man in einer mittleren Stadt wie Kiel ein tolles Leben führen könne. „Rosemarie Kilian war ein Furor von Energie und Leben und geistiger Gegenwart“, sagt er. Selten habe er im Leben einen Menschen mit solch vorbildlicher Kraft erlebt.

Seit 2004 kämpfte sie tatkräftig für den Wiederaufbau eines Kieler Theatermuseums. Sie wurde zur Kammerschauspielerin ernannt, zum Ehrenmitglied des Ensembles und erhielt Auszeichnungen wie den Verdienstorden des Landes. Auf eigenen Wunsch nahm sie ihren Abschied von der Bühne, blieb aber mit Lesungen aktiv. Und Rosemarie Kilian hörte nie auf, als Mitbürgerin für eine Verbesserung des Lebens in ihrer Gesellschaft zu streiten. Ein Revolutionskind eben.

Die Trauerfeier für Rosemarie Kilian findet am Dienstag, 11. Februar, um 12 Uhr, in der Michaeliskirche, Hassee, Wulfsbrook 29, statt.

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