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19:26 20.09.2012
Gastdirigent der Berliner Philharmoniker: Ingo Metzmacher Quelle: A3803 Jochen Lübke

.. Sein Name ist Charles Ives.“ Worte Arnold Schönbergs über seinen stilistisch so ganz anders orientierten amerikanischen Altersgenossen, die von Bewunderung und Weitsichtigkeit zeugen. Der stand mit acht Werken im Blickfeld des heuer amerikanisch dominierten Programms des Musikfestes Berlin. Wobei Winrich Hopp, künstlerischer Leiter des Festivals, in seiner Konzeption die musikalischen Wechselbeziehungen zwischen Alter und Neuer Welt verdeutlichen und zudem die Wege nachzeichnen wollte, auf denen sich US-Komponist bei ihrer Selbstfindung von der übermächtigen europäischen Tradition lösten. Der 100. Geburtstag des so innovationsfreudigen John Cage und Morton Feldmans 25. Todestag setzten in der Dramaturgie überdies Akzente. Das Musikfest beleuchtete aber auch in den Staaten entstandene Werke europäischer Exilkomponisten - so solche von Rachmaninow, Schönberg, Strawinsky oder Hanns Eisler. Stilistisch höchst facettenreich war die Palette der rund 80 Werke von 30 Komponisten, für die renommierte Klangkörper, Dirigenten und Solisten aus nah und fern eine Lanze brachen.

Ehrensache, dass Charles Ives (1874-1954), dem Vater der amerikanischen Musik, sogleich das Eröffnungskonzert gewidmet war. Geradezu Entdeckungen die Werke, die Kent Nagano und das Mahler Chamber Orchestra im Gepäck hatten. Fesselnd schon die 1902 beendete 2. Sinfonie. Ein Übergangswerk, mit einem polyphonen Satz beginnend, aber bald schon - die Atmosphäre des amerikanischen Lebensgefühls der Vorväterzeit beschwörend - Zitate aus Bürgerkriegsliedern, Märschen sowie religiösen Hymnen als heterogene musikalische Schichten in den Klangfluss einbeziehend, um mit einem geradezu frappierenden dissonanten Cluster den Schlusspunkt zu setzen. Fulminanter noch die furiosen Klangüberlagerungen in den drei Stücken des „Orchestral Sets Nr. 2“ (1919). Phänomenal vermochte Nagano mit seinen Instrumentalisten die so unterschiedlichen Klangebenen gleichsam zu durchleuchten.

Hatte Ives auf die Uraufführung seiner 2. Sinfonie fast 50 Jahre warten müssen, wurde die Vierte (1909/16) in vollständiger Version gar erst elf Jahre nach seinem Tod aus der Taufe gehoben. Des Meisters inhaltlich gewaltigstes Opus für großes Orchester mit verstärktem Schlagwerk und gemischtem Chor hatte Ingo Metzmacher für seine Gastabende bei den Berliner Philharmonikern ausgewählt. Ein Werk, das im Prelude die vom Chor artikulierte „Frage nach dem Was und dem Warum des Lebens“ stellt und das über alle irdischen Wirrnisse hinweg den Bogen schlägt bis zur grandiosen polyphonen Steigerung im Finale, in dem Ives „eine Art glorifizierte oder transzendente Demokratie“ besingt - vom Ernst-Senff-Chor äußerst nuanciert intoniert. Faszinierend, wie Metzmacher die Dramaturgie der Tonschöpfung auslotete, etwa in der Comedy des 2. Satzes die komplexen Klangereignisse der im Raum verteilten Orchestergruppen präzis koordinierte oder auch die tiefgründige Fuge im Andante-Satz souverän ausformte.

Von leichterem Gewicht die Kompositionen der anderen Autoren des Konzertes: George Gershwins mit ihren karibischen Rhythmen fesselnde „Cuban Overtüre“, die Jazz-Symphony George Antheile sowie die Symphonischen Tänze aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein. Werke, denen die von Metzmacher beflügelten Philharmoniker den Charakter eines von hinreißenden Rhythmen und überrumpelnden Klangfarben bestimmten virtuosen Feuerwerks verliehen.

Gleichsam ein klingendes Seminar über amerikanische Komponisten aus drei Generationen vermittelte das vortreffliche, von Michael Tilson Thomas geleitete London Symphony Orchestra. Als Auftakt Aaron Coplands (1900-1990) klanglich kompromisslose, streng konstruierte „Orchestral Variations“, denen als scharfer Kontrast Morton Feldmans (1926-1987) am Rande des Verstummens angesiedeltes Opus „Piano and Orchestra“ (Solist: Emanuel Ax) folgte. Den Schlusspunkt setzte Ives’ „New England Holidays“-Symphony, die den „Erinnerungen eines jungen an die Festtage in einer Kleinstadt Connectucute“ klangliche Gestalt verleiht. Und dabei im 3. Satz unterschiedliche Marschgestalten zu einem furiosen Gebilde ineinander verschachtelt.

Morton Feldmans „Violin and Orchestra“ (1979) mit Franz Schuberts h-Moll-Sinfonie in einer Soirée des Konzerthausorchestra Berlin miteinander zu konfrontieren - welch kühnes Vorhaben! Jedoch der introvertierte, klagende Gestus der „Unvollendeten“, auch der Umstand, dass alle Themen zunächst im Pianissimo erklingen, lässt so manche Gemeinsamkeit mit Feldmans äußerst subtiler, in der Dynamik nur selten einmal über ein dreifaches Piano hinausgehender Tonsprache entdecken. Feldmans längstes, fast einstündiges Orchesterwerk, gleichsam ein stilles Ritual, erhebt die Klangfarbe - unter weitgehendem Verzicht auf präzise melodische und rhythmische Gestaltung - zum wichtigsten Element des Tonsatzes. Das Werk verlangt in seiner feingliedringen, minimalistischen Anlage und der hohen Ergebnisdichte nach äußerst flexiblen, einfühlsamen Interpreten. Isabelle Faust und das von Emilio Pomarico geführte Konzerthausorchester versenkten sich mit Engagement und sensibler Intensität in die jeder Virtuosität abholde Partitur.

Mit Spannung sah man dem Antrittskonzert Tugan Sokhieve am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin entgegen, zumal der neue Chef zu einer Begegnung amerikanischer Komponisten mit solchen von Exilrussen einlud. Zum Auftakt Igor Strawinskys dem Neoklassizismus huldigende, 1922 in Boston uraufgeführte „Pulcinella“-Suite. Eine Überraschung - die kurzfristig eingesprungene, trotz ihrer Jugend bereits außergewöhnliche amerikanische Mezzosopranistin Sasha Cooke. Die mit facettenreicher Stimme und charmanter Darstellungslust Songs von Copland und William Bolcom sowie Szenen aus Bühnenwerken von Barber und Gershwin, Weill und Bernstein in beglückender Korrespondenz mit den Musikern darbot. Den Höhepunkt des Konzertes indes bezeichnete Sergej Rachmaninows hierzulande selten aufgeführte 3. Sinfonie (1935/36) - ein Werk des Rückblicks auf seine verlassene Heimat. Da war Sokhiev vollends in seinem Element, als er die oft konträren Klangbilder - geprägt von elegischer Sehnsucht, aber auch von grotesken, ja bedrohlichen Stimmungen - mit seinen Instrumentalisten bis in die letzte Faser ausleuchtete.

Wie Rachmaninows 3. Sinfonie erlebte auch schon sein 3. Klavierkonzert in Amerika seine Premiere. Ein Glücksfall, den hervorragenden Russen Nikolai Lugansky für das Festtagskonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) mit jenem Werk gewonnen zu haben. Sentimentalen Anflügen aus dem Wege gehend, gestaltete der Pianist bereits das Hauptthema des Kopfsatzes mit epischer Strenge und vermochte auch die enormen spieltechnischen Klippen virtuos zu meistern. Das Hauptgewicht des Abends jedoch lag in Marek Janowskis bedingungslosem Engagement für Hans Werner Henzes hochkomplexe 6. Sinfonie (1969: Fassung für zwei Orchester 1994). Henzes Sechste, sein Bekenntnis zur kubanischen Revolution und von ihm auch 1969 in Havanna aus der Taufe gehoben, ein Werk von geradezu exotischer Bilderfülle, war im amerikanisch akzentuierten Festprogramm in der Tat geeignet, „wider den Stachel zu löcken“. Vielgestaltig ist die klassische Formen nutzende Kompositionspalette, in die zwei zeitgenössische Lieder, ein vietnamesisches und eines von Mikis Theodorakis, sowie kubanische Nationalrhythmen eingewoben sind. Faszinierend vermochte Janowski mit dem RSB das vielschichtige Zeitdokument mit seinem verstörenden aufrüttelnden Charakter zum Klingen brachte. Ein Höhepunkt des Musikfestes! [Dietrich Bretz]

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