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Kultur Goa vom Feinsten
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15:54 07.02.2016
Von Kai-Peter Boysen
HGich.T in der Kieler Pumpe. Quelle: Björn Schaller
Kiel

Da hat es die Kieler Vorband Golgi Complex schwer, das Interesse auf sich zu lenken. Sei ihre Musik noch so psychedelisch und progressiv – eine Goa-Trance-Party ist kein fruchtbarer Boden für Metal. Die zum Teil in Schutzwesten und Tierkostümen gekleidete, mit Neonfarben geschminkte Fanschar ist wegen der physischen und abgefahrenen Show von HGich.T (gesprochen Ha-Ge-ich-Te) gekommen. Die Klickzahlen ihrer skurrilen Videos gehen bereits in die Millionen, das mediale Interesse ist dementsprechend gewachsen, doch wer oder was das seit zwanzig Jahren aktive und fluktuierende Ensemble genau ist, blieb stets im Verborgenen.

DJ Hundefriedhof ist der musikalische Leiter und somit Herr der Knöpfe. Während er Beats, Samples sowie allerlei Geknarze und Gezirpe aus den Geräten zaubert, malt er ein Bild, mit Neonfarben, versteht sich. „Mein Vater, ich und der Rohrstock“ und „Vater, warum schlägst du mich?“ singt die Dame mit verwuschelten Zöpfen, und während man überlegt, was da gerade geschehen ist, betritt der Sänger Anna-Maria-Kaiser die Bühne. Er sieht aus, als käme er direkt aus dem Büro, nur die Handynummer auf der Stirn irritiert etwas. „Guten Morgen, Herr Kaiser!“ lässt er die Meute brüllen und damit beginnt ein fast 90-minütiger Gedankenstrom aus rhythmischem, parolenhaftem Sprechen (das ist der Gesang) und freier, teils surrealer Improvisation in breitem Hamburger Dialekt. Dazu lässt er sich nahezu pausenlos durch die Menge tragen, dabei oft ins Mikrokabel und die Spinnweben gewickelt.

Die jungen Frauen des Kollektivs tanzen und senden Liebe, animieren, reizen, verteilen Getränke und Küsschen. Gern wird auch ein Mann aus dem Publikum mit der Peitsche (maßvoll) gezüchtigt oder geritten. Überhaupt wird das Publikum stark in die Performance eingebunden und so zu einem Teil des Kunstwerks. Süßlicher Geruch, Nebel, Neonlicht, Musik, überall Bewegung, der dauerhaft parlierende Anna-Maria-Kaiser, die Sinne sind gefordert bei HGich.T. Keyboarder Dr. Diamond im Hippielook greift beim Playback-Gitarrensolo zur Klampfe, posiert dazu in Star-Manier, dafür entledigen die Damen ihn der Unterhose. Siehe da, ein Penis; dass die Mädels es ihm trotz Aufforderung nicht gleichtun, macht auch dem Letzten klar, dass das hier nicht Ballermann ist, sondern gezielt gesetzte Tabubrüche Unordnung in das moralische Wertesystem bringen sollen.

Ob „Diddel, der Mäusedetektiv“, „Tripmeister Eder“, „Tutenchamun“, der 51-Sekunden-Hit „Hauptschuhle“ oder das neue, totlustige „Die brennende Kinderjacke“, das Publikum kennt jeden Text, feiert vor und auf der Bühne. „Drogenfreunde sind die wahren Freunde – Nüchternfreunde sind die falschen Freunde“ predigt Anna-Maria-Kaiser. Gefährdend ist das alles nicht, wegen HGich.T werden nicht mehr oder weniger Drogen konsumiert und die Gesellschaft verblödet sicher an ganz anderen Orten. Es ist eine höchst unterhaltsame Bespiegelung, ein ausgeflippter, aber insgesamt kalkulierter Trip an die Grenzen des Geschmacks.

„Das ist doch total leicht“, sagt beim Rausgehen ein Besucher zu seinem Begleiter und zitiert eine Textpassage. Nein, leicht ist es nicht, man benötigt ein Bewusstsein der Bewusstlosigkeit in totaler Konsequenz. So abstrus sie sein mag, steckt doch eine Idee dahinter. Und die stiftet Unruhe im Kopf, das Hirn fühlt sich an wie ein frisch geschüttelter Scrabblebuchstabenbeutel – bereit zur Formung  neuer Begriffe, Gedanken, Werte…  Jetzt erstmal schlafen.

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