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Kultur Hänsel und Gretel und Rammstein
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13:02 16.04.2018
Hänsel und Gretel als grenzdebile Teenies: Im Thalia Theater Hamburg hatte jetzt eine außergewöhnliche Adaption des Grimmschen Märchens Premiere. Mit dabei: Rammstein-Sänger Till Lindemann. Quelle: Matthias Matthies
Hamburg

Smartphone auf Flugmodus lautet die Anweisung. Anschnallen geht nicht, ist ja Theater. Abheben aber klappt bei diesem Flug durch das Grimmschste aller Grimmschen Märchen. Was für Bilder, was für Musik, was für Freaks hausen da im Wohnwaggon! Hänsel, Gretel und die Eltern treffen sich zum Abendsüppchen – „piep, piep, piep“, sie haben sich alle lieb. Denkste! Bald geht es für die Kinder in den finstern Tann. Doch der Flug, der da im Thalia Theater Tempo aufnimmt, wird in Turbulenzen kommen und crashen. Die Piloten Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo können den Kurs nicht halten; auch nicht Rammstein-Sänger Till Lindemann, das Phantom der Leinwand.

Grotesker Horror-Comic über moralisch verwahrloste Welt

Semper/Ojasoo stehen für bildgewaltiges, filmisches Theater. Das estnische Regieduo liefert einen grotesken Horror-Comic über eine konsumfixierte, moralisch verwahrloste Welt. Dabei gehen sie schon mal in den Tiefflug. Die Eltern (Gabriela Maria Schmeide, Tim Porath) sinnieren: Aufs zweite Auto verzichten? Auf keinen Fall! Keine Putzfrau? Niemals! Kein Urlaub? „Ich will Ski fahren!“ Also die Kinder weg? Mutter macht kurz auf Hysterie auf und strahlt dann: Jaaaa!“

Hänsel und Gretel, gezeichnet als grenzdebile Teenies, werden nicht im Knusper-knusper-Knäuschen-Lebkuchenhäuschen landen, sondern in der Big-Mac-Hölle. Das Haus der Hexe sieht aus wie das der Eltern, nur quellen die Tische vor Fastfood über. Was für ein gefühlter Traum von heimischem Glück! Hölle? Paradies! In ihm aber tanzt die Hexe als vollfette Dragqueen, herrlich schrill von Björn Meyer gespielt. Diese Hexe hat alle sexuelle Lust auf maßlose Völlerei übertragen und mästet nun den Hänsel, bis er ihr kannibalisch gut gefällt. Das schrille Märchen nimmt seinen Lauf, und Till Lindemann singt Schauriges dazu. Der Rammstein-Sänger hat sechs Lieder für das Grusical geschrieben und leitet mit pechschwarzer Stimme durchs Geschehen.

Die Hexe tritt in dem überzogenen Märchen als vollfette Dragqueen auf, herrlich schrill von Björn Meyer gespielt. Diese Hexe hat alle sexuelle Lust auf maßlose Völlerei übertragen und mästet nun den Hänsel, bis er ihr kannibalisch gut gefällt. Quelle: Matthias Matthies

Rammstein-Stimme Til Lindemann begleitet such das Stück

Mit Rockmusik und Theater hat das Thalia Theater schon Großes geschaffen. Unvergesslich Robert Wilsons „Black Rider“ mit Musik von Tom Waits, stark der „Time Rocker“ mit Lou Reed. Nun also Rammstein-Stimme Till Lindemann. Er hat großen Anteil an diesem Märchenabend, aber nur als Konserve.

Denn nahezu komplett beherrscht wird der Abend von Mitteln des Films. Zwei Kameraleute umkreisen die Darsteller pausenlos. Auf Leinwand läuft das Geschehen zeitgleich überlebensgroß ab. Das bringt die von Geschwulsten entstellten Maskengesichter porentief rüber. Mit Lust am Ekel suhlen sich die Bilder viel zu ausgiebig darin, wie sich Hänsel Burger um Burger, Bagel um Bagel in den Rachen quetscht und wie sie aus ihm quellen und quallen. Und, wer hätte das gedacht, es ist zum Kotzen: Das übernimmt der düstere Märchenonkel Lindemann, und oh Schreck, er wird blutbesudelt Hänsels Herz verschlingen.

Technisch aber, keine Frage, verschränken sich Live-Bilder großartig mit zuvor produzierten Sequenzen mit dem Rammstein-Sänger. Nur: Das Mittel wird überstrapaziert.

Fast drei Stunden, bis Hänsel und Gretel am Tisch der Eltern hocken

„Hänsel und Gretel“ genügt als Vorlage nicht. Semper/Ojasoo flechten das kurze, grausige Grimm-Märchen „Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst“ ein. „Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen!“ heißt es darin. Wolhlstandsverwahrlosung ist das Thema des Abends, der sich aber hinzieht. Die Erzählung verliert den Drive, es wird zunehmend psychologisiert. Hänsel wird die zum Stein gewordene Gretel mit sich schleppen. Der Stein steht wohl für Hänsels weibliche, gefühlvollere Seite, die „innere Gretel“, die er übers maßlose Fressen verlor. Stattdessen trägt er also ein Herz aus Stein mit sich, das echte hat sich ja der böse Rammsteinmann einverleibt. Kristof Van Boven vollzieht die Schwein- und Stumpfwerdung des Hänsel bewundernswert. Später aber wird Gretel (Marie Jung) wieder lebendig sein, Märchen brauchen keine Logik.

Fast drei Stunden währt die plakative Mär, bis der grunzende Hänsel nebst Schwesterlein wieder am Tisch der Eltern hockt. Es gibt Suppe. Alles wie früher, und wenn sie nicht gestorben sind, dann fressen sie noch heute. Diese Rockoper hätte sich in 80 kompakten Minuten erzählen lassen. Was wäre das für ein Flug geworden! Der Beifall ist lang, Begeisterung aber klingt anders.

Von Hans-Martin Koch/RND

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