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Kultur Neuenfels holt Oscar Wilde auf die Bühne
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18:33 05.03.2018
Von Jürgen Gahre
Salome (Ausrine Stundyte) mit der Oscar Wilde-Figur. Quelle: Monika Rittershaus
Berlin

„Das tue ich nicht – ich bin eine anständige Frau“, sagte die Sopranistin Marie Wittich, als sie 1905 bei der Dresdener Uraufführung von Richard Strauss‘ „Salome“ für die Titelrolle vorgesehen war. Sie warf dem Regisseur anfangs „Ruchlosigkeit“ vor, sang dann aber doch.

Diese Aufsehen erregende Oper aber setzte sich weltweit schnell durch, sorgte jedoch immer wieder für so manchen Skandal – auch jetzt wieder an der neu eröffneten Staatsoper Berlin. Als Dirigent war zunächst Zubin Mehta (81) vorgesehen; da dieser erkrankte, sprang der 88-jährige Christoph von Dohnányi ein, der aber kurz vor der Premiere hinwarf, wegen „künstlerischer Differenzen“ mit dem Regisseur Hans Neuenfels.

Angeblich habe er sich über den überdimensionalen Phallus empört, der während der gesamten Oper Blickfang ist, konnte man offiziell hören. Das Zerwürfnis zwischen Dirigent und Regisseur geht natürlich tiefer und dürfte sich an dem höchst eigenwilligen Gesamtkonzept entzündet haben. 

   Neuenfels sorgt für mancherlei Irritationen durch radikale Umdeutungen: Zu Beginn der Oper sitzen Herodes, Herodias und Salome auf Stühlen und schauen recht gelangweilt ins Publikum. Bald aber wird in grell-roten Buchstaben das Erscheinen des Dichters Oscar Wilde angekündigt: Unter dem großen Schriftzug „Wilde is coming“ betritt ein junger Mann die Bühne, befreit Jochanaan aus dem phallusartigen, eher einer Rakete ähnelnden Gehäuse und erlöst Salome von ihrem mit Rüschen verzierten Rock.

Sie sieht jetzt in ihrem schwarzen Hosenanzug wie ein junger Mann aus, der von dem homosexuellen Wilde angehimmelt und liebkost wird – sie ist, wie uns der Regisseur im Programmheft verrät, „Wildes kämpferisches Alter Ego“. Er, der Schöpfer dieses Dramas, das Strauss nur leicht gekürzt vertont hat, verlangt auch von Jochanaan Anerkennung. Also stellt er sich – nunmehr mit Salomes Rock bekleidet –  mit ausgebreiteten Armen auf einen Stuhl und zwingt den von Wärtern herbeigezerrten Propheten, ihn mit gefalteten Händen anzubeten.

Wilde, der in Neuenfels‘ Inszenierung stets einen übermäßig großen Hodensack ohne Penis zur Schau trägt, spielt auch in dem „Tanz der sieben Schleier“ eine tragende Rolle. Geschmückt mit der für ihn so typischen „green carnation“ , der grünen Nelke also, tanzt er mit der Königstochter und wird schließlich von ihr begierig betastet, gebissen und abgeleckt.

Natürlich hat Neuenfels bei der Hinrichtung des Jochanaan ebenfalls eine Überraschung parat: Es wird nicht Der Kopf des Propheten wird nicht „auf einer Silberschüssel“ aus einer finsteren Zisterne hochgereicht; statt dessen rollt gleich eine ganze Palette mit ähnlich aussehenden Köpfen langsam noch vorne.

Salome nimmt sich mal den einen, mal den anderen Kopf und wird bei ihrer Auswahl von Oscar unterstützt.  Schließlich lässt sie einen Kopf mit lautem Knall fallen, sammelt die (Keramik!) Scherben auf und küsst diese zu den Worten: „Ah, ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan….es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. Hat es nach Blut geschmeckt?“

Neuenfels sagt, dass es sich hier nicht um einen spezifischen Kopf handelt, sondern um den Kopf eines Mannes „schlechthin“. Dass mit solchen Überlegungen und Bildern der Oper jedwede Spannung und Sinnlichkeit geradezu ausgetrieben wird, liegt auf der Hand, und so ist es nicht verwunderlich, dass man sich plötzlich dabei ertappt, in dieser eigentlich hoch emotionalen, atemberaubenden Szene gelangweilt die Köpfe zu zählen: Es sind zweiundvierzig!

   Hans Neuenfels hat großen Wert darauf gelegt, dass „Salome“ in der Zeitlosigkeit und auch in einer „eigenen Ästhetik“ spielt. Sein Bühnenbildner Reinhard von der Thannen hat einen an beiden Seiten abgerundeten, einem Schiff nicht unähnlichen Raum geschaffen, der hinten mal von einem grauen Vorhang mal von einer vorgeschobenen Wand begrenzt ist.

Es gibt selbstredend keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Oper im vorderen Orient spielt, obwohl schon die ersten Takte die sinnenbetörende Schwüle einer südlichen Mondnacht und orientalisches Milieu suggerieren. Außer ein paar Stühlen und dem gewaltigen Phallus-Käfig für Jochanaan bleibt die Bühne leer.

   Die litauische Sopranistin Ausrine Stundyte, die noch vor kurzem an der Komischen Oper Berlin in der Rolle der Carlotta („Die Gezeichneten“ von Franz Schreker) Triumphe feiern konnte, ist in der Titelpartie der „Salome“ dann doch überfordert – sie hätte mit dieser mörderischen Partie noch etwas warten müssen. Oft genug wird ihre Stimme vom Orchester zugedeckt, die tieferen Töne haben nicht genug Volumen und die großen Melodiebögen bleiben blass und klingen gelegentlich forciert.

Der Bariton Thomas J. Mayer ist ein kerniger Jochanaan mit großer Ausstrahlung, Gerhard Siegel gewinnt seinem Tenor in der Rolle des sexbesessenen Herodes mal einschmeichelnde, mal die schrillen Töne eines Psychopathen ab und die Mezzosopranistin Marina Prudenskaya verleiht der Herodias eine gewisse Würde, verzichtet also weitgehend auf das in dieser Partie oft zu hörende kreischende Keifen.

   Retter in der Not war der erst 25-jährige Thomas Guggeis, der sich als Assistent von Daniel Barenboim bereits bewährt hat und kurzfristig einspringen konnte. Es ist bewundernswert, wie er die Staatskapelle Berlin derart sicher durch die wahrlich nicht leichte Partitur führen kann.

Man hätte sich zwar manchmal mehr sinnlichen Streicherglanz gewünscht, bei einer emotional so unterbelichteten Inszenierung aber kann man Gefühlsexaltationen vom Dirigenten schwerlich erwarten. Thomas Guggeis bekam zu Recht stürmischen Applaus. Viele Buhs für die Regie und auch für Ausrine Stundyte, ansonsten freundlicher, wenn auch enden wollender Beifall.

www.staatsoper-berlin.de

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