Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Bombastisch böse Bonbonnière
Nachrichten Kultur Bombastisch böse Bonbonnière
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:57 09.09.2018
Die Sänger Ida Aldrian (l-r) als Dorabella, Kartal Karagedik als Guglielmo, Pietro Spagnoli als Don Alfonso, Dovlet Nurgeldiyev als Ferrando und Maria Bengtsson als Fiordiligi spielen in der Oper von "Cosi fan tutte". Quelle: Markus Scholz
Anzeige
Hamburg

Das wahlverwandtschaftliche Experiment lässt der in Hamburg gut bekannte Theaterregisseur Herbert Fritsch an der Staatsoper unvergleichlich gekonnt als nimmermüde Slapstick-Komödie abschnurren. In einer bombastischen Bonbonnière-Box trippeln, wippen und stolpern die Figuren als lebendig gewordenes Konfekt zwischen kleinen Ariadne-Felsen umher. Ein automatisches Cembalo spielt dazwischen im wahrsten Sinne verrückt. Der Lichtdesigner Carsten Sander gießt beißend bunte Farben hinzu. Und die preisgekrönte Kostümbildnerin Victoria Behr plustert die Weiber postbarock auf und verkleidet die schnieken Kurzhaar-Soldaten tatsächlich verfremdend als gewaltige Zottelbären.

Straff im Orchester

Der französische Dirigent Sébastien Rouland, einst Minkowski-Assistent und neuerdings GMD in Saarbrücken, greift das allemal musiknah dynamisierte szenische Gezappel auf der Bühne mit den weit hochgefahrenen, nach Streichern und Bläsern auseinanderdividierten Philharmonikern atemlos straff auf. Ein bisschen mehr Mozart-Charme und lässige Perfektion wäre noch möglich.

Wunderschöner Mozart-Gesang

Zumal sehr schön gesungen wird. Der Fiordiligi leiht die schwedische Sopranistin Maria Bengtsson ihre schwere- und schlackenlose Zauberstimme. Zwar bleiben die vokalen Zumutungen in den tiefen Passagen etwa der Felsen-Arie auch für sie ein Problem. Dafür schmilzt der Hörer ob erlesener Mixturen in der Höhe und im Pianissimo häufig dahin. Die Österreicherin Ida Aldrian singt eigentlich außer Konkurrenz, da sie erst drei Tage vor der Premiere eingesprungen ist. Aber ihre Dorabella prägt einen stimmig herb kontrastierenden Mezzo-Reiz aus und passt auch gut zum soliden Guglielmo-Bariton des Türken Kartal Karagedik.

Tenor-Lyrik und Buffo-Dämonie

Der turkmenische Tenor Dovlet Nurgeldiyev tönt als Ferrando vielleicht etwas zu kernlos weich, hat aber in der Arie Un aura amorosa einen lyrischen Glanzpunkt. Absolut brillant buffonesk agieren und singen der italienische Bass Pietro Spagnoli als „Joker“ Don Alfonso und die britische Sopranistin Sylvia Schwartz als seine vergnügungssüchtige, auch leicht dämonische Helfershelferin Despina. Das Premierenpublikum fühlt sich somit zu Recht glänzend unterhalten.

Letztlich nur Lustspiel-Theater

Es entsteht zugleich aber auch ein Defizit unter der zuckersüß wohlschmeckend konfektionierten Verpackung: Das Erschrecken über den Verrat, über die Verführbarkeit, das Gefühlschaos und die tiefenpsychologischen Seelenverletzungen bleibt hier doch nur maskenhafte Behauptung. Da kann noch so trefflich emotional gesungen werden, die Hörner noch so eindringlich die Gehörnten bekichern, der Puls der Musik noch so aufgeregt stocken oder hämmern – alles nur pralles Lustspiel-Theater. Außerdem verläppert Fritsch der Schluss: Anders als es das Programmheft beschwörend behauptet, ist es hier schließlich doch sichtlich wurscht, wer nun mit wem ...

Staatsoper Hamburg. Termine am 12., 16., 18., 23., 26. und 29. September. Karten: 040 / 35 68 68. www.staatsoper-hamburg.de

Von Christian Strehk

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wonnig schaukelnder Southern Rock aus Atlanta, ein tief empfundenes Americana-Debüt aus den schönen, bösen Abgründen, und Folkpop mit unbändiger Liebe zur Melodie für den Sommer ’19: die Musiktipps von Matthias Halbig.

09.09.2018

Ein herrlich plastisches Zeitbild rund um Anette von Droste-Hülshoff und die Studentenproteste von 1817, atmosphärische, zum Roman verbundene Porträts der Nachkommen eines mexikanischen Mordopfers, und ein neuer Fall für Simone Buchholz’ toughe Hamburger Staatsanwältin Chas Riley: die Buchtipps von Ruthe Bender.

09.09.2018

Joaquin Phoenix als Auftragskiller, der gegen Kinderhändler ins Feld zieht, Steven Spielbergs erstaunlich aktuelle Verfilmung eines Science-Fiction-Bestsellers, und die Geschichte des “Henkers vom Emsland“ als erschreckender Beweis für Kadavergehorsam: die DVD-Tipps von Stefan Stosch.

09.09.2018
Anzeige