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Kultur Stephen King erzählt von einer Himmelfahrt
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10:00 27.11.2018
Kämpft gegen das Amerika der Vorurteile: Stephen King greift sich den Protagonisten eines Kollegen und bringt seiner fiktiven Kleinstadt Castle Rock Frieden. Quelle: AFP
New York

Es war einmal eine Strahlung, eine Strahlungswolke unbekannter Herkunft, radioaktiv vermutlich. Scott Carey wurde von ihr berührt und fortan immer kleiner. Bis er am Ende von Richard Mathesons Roman „Die seltsame Geschichte des Mr. C.“ die Welt der Mikroorganismen betrat.

Stephen King übernimmt eine Figur von Richard Matheson

Nach Kämpfen gegen die Hauskatze und eine Kellerspinne schritt er mutig hinaus in das Neuland. „Wenn die Natur auf unendlich vielen Ebenen existiert, dann vielleicht auch die Intelligenz“, sagte Scott sich und betrachtete sein neues Zuhause zukunftsfroh als „Wunderland“. Der ungewöhnliche Weg eines Mannes zu Ruhe und innerer Größe war an sein Ende gekommen.

Diesem Richard Matheson (1926–2013), von dem auch der wohl außergewöhnlichste Vampirroman „Ich bin Legende“ stammt, ist das neue Buch von Stephen King gewidmet. Mit 149 Seiten ist es eher ein schmächtiges Büchlein im King-Oeuvre der dicken Schinken. Kein ausufernder Roman sondern eine Novelle.

Auch Kings Held heißt Scott Carey. Der Webdesigner kommt eines Tages zu seinem früheren Arzt und erzählt ihm von seinem besonderen Gewichtsproblem: Er wird immer leichter. Der große Kerl hat zwar nach wie vor eine bärige Wampe, wiegt aber deutlich weniger als es aussieht. Das Unheimliche: Egal, ob er mit Taschen voller Münzen oder Hanteln auf die Waage steigt, sie ändert ihre Anzeige nicht. Und: Je leichter Scott wird, desto besser fühlt er sich.

In Castle Rock spiegelt sich das Amerika von Intoleranz und Paranoia

Ging es bei Matheson um die Gefahren der Kernspaltung, ist Kings Matheson-Hommage eine gesellschaftliche Gegenwartsbeschreibung: Hier findet sich am Beispiel seines Gruselstädtchens Castle Rock das republikanische Amerika der Intoleranz, der Paranoia und der Ignoranz. Hier herrschen die Homophoben, die sich vor der Liebe der Schwulen und Lesben fürchten als wäre sie etwas, was einem das Gesicht zerkratzen könnte.

Und hier lebt die unkritische „Masse“, die deren Ausfälle ignoriert oder toleriert. Drei Viertel der Einwohner Castle Rocks haben Trump gewählt. Der Held Scott steht für Vernunft, Liebe und Toleranz, die durch spalterischen Populismus verschwinden. Gerade durch die neue Leichtigkeit seines Seins erwacht er immer mehr aus seiner Gleichgültigkeit. Er ergreift Partei für die beiden Neuen in der Stadt, die lesbischen Inhaberinnen eines mexikanischen Restaurants und es wird ihm dabei leicht und wohl ums Herz, auch wenn er Schimpf erntet und Prügel riskiert.

Schon einmal hat King unter dem Pseudonym Richard Bachman die Geschichte eines Gewichtsverlusts beschrieben. In „Dünner“ ging es um Flüche und Verdammnis, typische King-Horrorware, abstrus, spannend, gruselig. In „Erhebung“ wird das paranormale Moment nicht ergründet, es geht um eine Glücklichwerdung.

Scott Carey ist eine Belehrungsfigur, die eine Himmelfahrt bekommt

Carey wird der Verfechter der seit Beginn der Trump-Ära deutlich geschwundenen Moral und sein Schicksal scheint so vorbestimmt wie das von Owen Meany bei Kings Freund und Schriftstellerkollegen John Irving. Oder das von Jesus Christus, dem Verfechter der Nächstenliebe, dessen Geburtstag kurz bevorsteht. Kämpfte Mathesons Scott Carey für sich, so steht Kings Protagonist anderen bei. Eine Belehrungsfigur, die gegen Ende beinahe im Kitsch der besseren Welt, die sie erschaffen hat, versumpft. Bevor sie zu einer anrührenden Himmelfahrt ansetzt.

Stephen King: „Erhebung“, Heyne, 144 Seiten, 12 Euro

Von Matthias Halbig / RND

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