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Kultur „Ich guck' nicht aus dem Fenster“
Nachrichten Kultur „Ich guck' nicht aus dem Fenster“
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18:09 06.01.2010
Eckernförde

Das Bootshaus der ehemaligen „Bauschule“, 1936 als „Heimatschutzarchitektur“ in konservativer Gegenbewegung zum Bauhaus errichtet, dient mit 280 Quadratmetern als Wohn-, Werk- und Ausstellungsfläche. In der einstigen Bootshalle befindet sich Webers namhafte Galerie NEMO. Webers Arbeitszimmer unter dem Dach ist heute der größte Magnet. Ah, das Meer, freut man sich beim Blick durch die Sprossenfenster. Typisch nordisch, neblig trüb. „Ich guck' normalerweise nicht aus dem Fenster“, lässt Weber fallen, fixiert lieber zwei Monitore neben der Zimmertür. Links ein Bildschirm mit Webcam-Blickrichtung Promenade und Strand vor der Tür, im Bild: Carsten Höllers Schild Ein Quadratmeter Blau, eine an sich temporär gedachten Installation von 1989. „Ob das Kunst ist?“, zitiert der Galerist die Zweifel eines Ex-Bürgermeisters. „Ich finde das schön“, lenkte damals dessen Gattin ein. Seitdem bleibt diese Kunst im öffentlichen Raum, zu schmal für Möwenfüße, vielfach beachtet von Passanten. Der rechte Bildschirm zeigt die Homepage des Galerienverbandes Schleswig-Holstein, dessen Mitglied Weber ist und dank seiner Vorliebe für Mediengestaltung auch dessen ehrenamtlicher Designer.

Von diesem Platz hat Weber alles im Blick. Die Aktivitäten am Strand, die Eingangstür und seine zahllosen Projekte. Der gelernte Kupferdrucker aus Wiesbaden, seit 1980 Galerist mit Spürnase für „radikale Qualitäten“ aus dem nordischen Raum, hat sein Kunstgeschichtsstudium an der Uni Kiel wieder aufgenommen und will über „die Monotypie vom Barock bis zur Gegenwart“ promovieren. „Früher hat man Dias geschoben, jetzt ist Powerpoint angesagt“, amüsiert er sich. „Von vorgestern.“ Sein letztes Referat „Tempelgräber in der römischen Kaiserzeit“ habe er als Flash-Animation präsentiert, da hätten alle „schwer geguckt“.

Die nackte Energiesparlampe an der Decke funzelt müde auf Papierstapel am Boden, baltische Kunstzeitschriften, Asterix-Hefte und die Steuererklärung, ausufernd zu den sechs laufenden Metern braunes 70er-Schaumstoffsofa („Ich liebe den modularen Aufbau.“), die der Sitzprobe wabbelnd spotten, einen vollgestellten Mappenschrank einfassen und unterm Bild Spiegel des Nordens des Isländers Helgi Thorgils Fridjónsson ein besetztes, aber unbemanntes Dasein fristen. „Ab und zu packt mich die Idee, Ordnung reinzubringen“, erzählt Weber mit tief-sanfter Stimme, „dann geb' ich Gas, doch dann verstetigt sich das.“ Das Wichtigste sei hier: Der große Pappkarton für Papiermüll.

Norbert Weber ist Leiter der Kunstsammlung der Provinzial Versicherungen, Mitglied des internationalen Expertenkomitees des lettischen Museums für zeitgenössische Kunst in Riga, hat den lettischen Pavillon auf der Biennale Venedig co-kuratiert, Lehraufträge am kunsthistorischen Institut der CAU hinter sich, sitzt in internationalen Jurys, schafft daher nur drei Ausstellungen im Jahr. Die nächste Exkursion geht nach Libyen, dafür frischt der Archäologe (zweites Nebenfach) sein Arabisch auf, Portugiesisch hat er sich wegen eines Immobilienprojekts in Lissabon angeeignet.

Der Raum ist erfüllt von einer Mischung aus Salsa und Hip-Hop: Die kubanischen Band NG la Banda spielt Timba. Hinter dem großen Raumteilerregal stehen zwei Rollkoffer stets bereit, auch zahllose farbige Overalls, wie die Warnweste seit Jahrzehnten das Markenzeichen des 1,86 großen Mannes. Weber schreitet elegant federnd auf roten Ringerschuhen („bequem wie barfuß!“) durch die Räume, lässt sich nach unten schieben. Gleich neben dem Galerieflur mit der angrenzenden Druckerei befindet sich die Artothek, in der der „Dienstleister für Künstler“ seine Belegexemplare der Öffentlichkeit per Verleih zur Verfügung stellt. Der Besucherblick bleibt an einer Fotografie von Jussi Kivi hängen. Ja, den habe er 1985 erstmals ausgestellt. „In diesem Jahr vertritt er Finnland auf der Biennale in Venedig.“

„Kommt, das müsst ihr sehen!“ Weber zieht uns durch einen Windfang mit Farben und Werkzeug nach draußen: Dort steht das Podest einer schwedischen Künstlerin, die 1992 auf dem Strand eine romantische Installation errichtete. Hier oben fühle er sich wie „wie Statler und Waldorf“ aus der Muppet Show, erzählt Weber, auf Hörweite der „hautnahen Dramen“ von der Promenadenparkbank.

Den Tisch im Esszimmer nebenan, auch die Stühle und den dunklen Schrank, hat der Großvater in den 20er Jahren gezimmert, der Hirschkopf daran ein Grusel für das Kind Norbert. Wer hier, wo ein Fahrrad und allerhand Zeug in der Düsternis parkt, speisen wollte, hätte rechterhand eine wilden Walter Stöhrer, links die verstörende Rückansicht der Schwedin Anneè Olofsson im Blick, die die Hände ihres einst übergriffigen Vaters in ihre Fotos einbezieht. „Die habe ich noch während ihres Studiums auf die Ostseebiennale mitgenommen“.

Vielleicht sitzt man lieber in der kleinen, hellen Küche zur Straße, die von schlichtem Pragmatismus zeugt. („Ich kann kochen, damit kannst du echt punkten. Ich fahre fast täglich mit dem Rad an den Hafen und gucke, was die Fischer an Land bringen.“). Die Stühle um den alten Holztisch? Arne Jacobsen? Nein, aber apropos Design. Oben, da habe er einen Stiletto! Schwupp sind wir, diesmal über die private Treppe durch die Räume seiner Ehefrau, wieder auf Anfang. „Eine Inkunabel der 80er“, schwärmt Weber vor dem Dachfenster über den umgebauten Einkaufswagen namens Consumers Rest. „Die hat Stiletto bei Penny im Wedding geklaut“, und Weber konnte vor der Serienproduktion noch eines von 14 handgefertigten Einzelstücken erwerben. Wow, da ist ja noch was: Ein Tisch aus Maurerglättkellen, verzinktem Eisenblech und Glas (Andreas Uecker, 1984), darauf thront floral geformter Metallschrott: der Kenianer John Hirschberg mit einem Lampenversuch von 1986. Vermöbelt hieß mal eine Schau auf dem Museumsberg Flensburg, da war Weber auch Leihgeber.

Beim Hinausgehen verweist der Galerist auf ein rotes Ensemble im Foyer: René J Goffins roter Sperrholztisch als Eingangsblickfang, dahinter das Frühlingserwachen: ein leer voll zur Geltung kommender Kleiderständer aus Gartenschirmfuß plus rotem Pflanzholz. Wir vergessen uns lieber beim amüsierten Blick in Tuomo Manninnens illustre Gruppenbilder der aktuellen Ausstellung und entschwinden inspiriert ins graue Wetter.

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