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Kultur In Leipzig öffnet ein Reclam-Museum
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10:52 23.10.2018
Der Experte: Hans-Jochen Marquardt, der Vorsitzende des Vereins Literarisches Museums, stellt seine Sammlung für das Reclam-Museum zur Verfügung. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Damit das Volk trinke“ – dieser Spruch steht für geistige Erfrischung. Thomas Mann hat ihn im Oktober 1928 bei einer Festveranstaltung geprägt, als die Firma Philipp Reclam jr. hundert Jahre alt wurde. Und er könnte auch über dem kleinen Museum stehen, das am Mittwoch durch den Verein Literarisches Leipzig im Souterrain des Gebäudes Inselstraße 20 (Eingang Kreuzstraße 12) eröffnet wird. Es ist ein Museum für Reclam und die Universalbibliothek, die von Leipzig aus ihren Siegeszug um die Welt antrat. Und zwar unweit des Gebäudes an der Ecke Kreuzstraße/Inselstraße im Graphischen Viertel, in dem die Bücher einst produziert worden waren.

Artikel zum 150. Geburtstag des Verlags

Zur Geschichte und Bedeutung des „Kleinen Gelben“ lesen Sie hier einen Artikel zum 150. Geburtstag des Verlags.

„Wir möchten nicht nur einem antiquarischen Bewahrungsgeist huldigen, unser Museum vielmehr zu einem Ort der lebendigen Begegnung mit Vorträgen und Lesungen ausbauen“, kündigt Vereinschef Hans-Jochen Marquardt aus Halle an, der seine Privatsammlung zur Verfügung gestellt hat. Ziel sei es, den Namen Reclams, der seinen Verlag 1828 in Leipzig gründete, im kulturellen Gedächtnis der Stadt zu bewahren und vor allem zu pflegen.

Der Verlag hatte sein früheres Stammhaus in Leipzig

Der Verlag hat sein früheres Stammhaus in Leipzig zwar im März 2006 geschlossen. Nach wie vor gibt er aber die älteste noch existierende Taschenbuchreihe heraus, die in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Das Museum zeigt diese im Wandel der Zeit von 1867 bis heute. Der Verleger Anton Philipp Reclam und sein Sohn Hans Heinrich haben die Neuregelung des Urheberrechts 1837 zu einem Geniestreich genutzt. Vom 10. November 1867 waren Werke von Autoren, die vor dem 9. November 1837 gestorben waren, ‚gemeinfrei‘ und die Verlage mussten keine Tantiemen mehr zahlen.

Der Bücherautomat ist eine der Hauptattraktionen des Museums. Quelle: André Kempner

Darauf hat sich Reclam akribisch vorbereitet, der mit „Faust I“ sogleich das erste Heft der Reihe in einer Auflage von 5000 Exemplaren herausbrachte. An diesem Tag lagen bereits 52 weitere Hefte vor, darunter 25 zwischen März 1865 und April 1867 gedruckte Shakespeare-Dramen. So war Heft Nr. 1 nicht das erste gedruckte, sondern Shakespeares „Romeo und Julia“.

„Mich hat fasziniert, wie Literatur für wenig Geld weiten Teilen der Bevölkerung zugänglich gemacht wurde“, begründet Marquardt seine Sammelleidenschaft. Meistverkauft in der Verlagsgeschichte wurde übrigens „Wilhelm Tell“.

Buchautomat ist ein Blickfang

Das Museum umfasst eine Dauerschau samt Präsenzbibliothek (50 Quadratmeter) sowie einen Vorbereitungsraum (20 Quadratmeter). Der Schulträger Rahn Education, der über seine geschützte Werkstatt in Halle auch Regelwände anfertigen ließ und sponserte, hat die Räume unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Insgesamt stehen etwa 10 000 Reclam-Hefte in den Regalen, das sind etwa ein Drittel der Gesamtproduktion. Marquardt hat die gesamte Leipziger Produktion der Jahre 1967 bis 1990 gesammelt. Das sind immerhin 7610 Nummern. „Die Stuttgarter Reihe konnte ich leider nicht sammeln, da kam ich zu DDR-Zeiten nicht ran“, bedauert der Germanist und Kleist-Experte. Selbst von den Anfängen der Reihe besitzt der heute 65-Jährige deutlich mehr Ausgaben als die Deutsche Nationalbibliothek, die als Deutsche Bücherei erst 1913 gegründet wurde und rückwirkend bis 1912 sammelt.

Eins der Ausstellungsstücke aus dem Reclam-Museum. Quelle: Kempner

Ein Blickfang der Schau ist der Nachbau eines Reclam-Bücherautomaten. Sie wurden ab 1912 beispielsweise in Bahnhöfen und Krankenhäusern aufgestellt. Bis 1917 gab es fast 2000 Automaten in ganz Deutschland. Zu sehen sind weiterhin tragbare Feldbüchereien aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sowie Reclams Wochenend-Bücherei in tropensicherer Blechkassette.

Eröffnung ist am Mittwoch, 18 Uhr. Danach ist das Museum Dienstag und Donnerstag 15 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Von Mathias Orbeck

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