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Kultur In der Sackgasse: Die rechten Verlage auf der Frankfurter Buchmesse
Nachrichten Kultur In der Sackgasse: Die rechten Verlage auf der Frankfurter Buchmesse
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15:22 13.10.2018
Frankfurter Buchmesse 2018: Künstler Bernhard Siller Quelle: Nina May
Frankfurt

Der Künstler Bernhard Siller hat Angst. Seine satirischen Buchstützen fallen Besuchern der Frankfurter Buchmesse seit langem ins Auge. Doch in diesem Jahr ist der Stand in der Halle 4.1 unmittelbar neben den rechten Verlagen positioniert. Die wurden von der Messeleitung in eine Art Schlauch an den Rand der Halle verbannt, um Szenen wie im letzten Herbst zu verhindern. Damals kam es auf der Messe zu gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um den rechtskonservativen Antaios-Verlag.

In diesem Jahr richtet sich zum Auftakt des größten Branchentreffens der Literaturszene deshalb das Medieninteresse auf die rechten Verlage, obwohl sie unter den 7000 internationalen Ausstellern eine absolute Minderheit bilden. Als die Verleger an den Nachbarständen einzogen, war Siller zunächst erleichtert. „Die waren ganz friedlich. Aber es sind nicht die Intellektuellen, die ich fürchte, sondern ihre Gefolgschaft.“ Deshalb hat er eine seiner Buchstützen etwas versteckt platziert. Sie zeigt eine Karikatur des Philosophen Karl R. Popper und dessen Zitat: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Das mehrdeutige Bonmot passt gut zur Gemengelage in Frankfurt: Auf der einen Seite will man Rechtspopulisten keine Bühne bereiten, sie auf der anderen Seite aber auch im Dienste der Meinungsfreiheit nicht ausgrenzen. Nun also der Katzentisch als Zwischenlösung.

Frankfurter Buchmesse: Gelebtes Nebeneinander trotz rechter Ecke

Die Sackgasse jedoch bedient das Opfer-Narrativ der Rechten, die sich vom Establishment unterdrückt sehen. Dieter Stein, Chefredakteur der rechtskonservativen Zeitschrift „Junge Freiheit“, spricht von Ghettoisierung. Auf der Messe präsentiert er ein Buch, das jungen Lesern deutsche Geschichte nahe bringen soll. Nebenan spielt die Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, die den umstrittenen Autor Akif Pirincci verlegt, mit einem Plakat auf Merkels Diktum „Wir schaffen das“ an. Das sei ein Satz wie aus einer griechischen Tragödie, voller Hybris, steht dort. Am Freitag wird hier der AfD-Politiker Björn Höcke sein Buch „Nie zweimal in denselben Fluß“ vorstellen.

In Frankfurt gibt es jedoch nicht nur die eine rechte Ecke, wie bei der Frühjahrsmesse in Leipzig. Auf der anderen Seite der Messehalle ist der unauffällige Stand des Loci-Verlags beheimatet. Der hat – wie am Mittwoch bekannt wurde – den Verlag Antaios von Götz Kubitschek übernommen. Die Programmleitung des Imprints übernimmt die Journalistin Ellen Kositza, die regelmäßig in der rechtsintellektuellen Zeitschrift „Sezession“ veröffentlicht. Der Verleger Thomas Veigel ist eigentlich Zahnarzt. Auf seiner Website präsentiert er sich mit Zahnpasta-Lächeln im weißen Kittel und gibt sich metapherntrunken als Spezialist für Tiefenbohrungen aus. Den Messestand dominiert ein Appell an die traditionelle Pluralität der Frankfurter Buchmesse.

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Junges Messe-Publikum: Mit Jutebeuteln gegen Thilo Sarazzin

Bei aller berechtigter Kritik an der Messeleitung, die dem Umgang mit der Rechten im Vorfeld auf eine Sicherheitsfrage reduzieren wollte, ist die Buchmesse jedoch ein lebendiger Beleg für gelebtes Nebeneinader. Direkt neben Loci – griechisch für Orte – sind in der Messehalle 4 die unabhängigen Verlage positioniert. Die will Kulturstaatsministerin Monika Grütters künftig mit einem neuen Preis unterstützen – und die Bühne des „Weltempfangs“, auf der am Mittwoch etwa die Schriftstellerin Nina George und die Kabarettistin Maren Kroymann über die Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb diskutierten. Zeitgleich lobte sich der Rechtspopulist Thilo Sarazzin im nach Yogi-Tee duftenden Lesezelt mit merkwürdig dünner Stimme selbst, weil er die aktuelle politische Stimmung in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ bereits 2010 prophezeit habe.

Im Publikum sitzen junge Zuhörer, die bei seinen Worten den Kopf schütteln. Über der Schulter tragen sie erbeutete Messestoffbeutel mit dem Spruch „Für das Wort und die Freiheit“. Sie stammen vom Stand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der eine Kampagne zum 70. Geburtstag der Menschenrechte – und zugleich zur 70. Ausgabe der Buchmesse – lanciert hat. Das Motto „On the same page“ ist ein Wortspiel: Auf der derselben Seite befinden sich Menschen sprichwörtlich, wenn sie einer Meinung sind. Die Bücherseiten sollen auf der Messe zum Ort der Selbstvergewisserung für gemeinsame Werte werden. Prominente stellen im Internet flankierend Bücher zum Thema vor. Literaturkritiker Denis Scheck empfiehlt den Roman „Herr der Krähen“ des afrikanischen Autors Ngugi wa Thiong’o. Scheck schreibt: „Ihr Opportunisten. Ihr Korrupten. Ihr, die ihr vorn mit den Menschenrechten wedelt und hinten die Hand aufhaltet: Dies ist euer Buch!“.

Die Buchmesse Blick nach Deutschland statt ins Ausland

Die Messe präsentiert sich seit jeher als Ort der Freiheit und Toleranz. Doch während in den Vorjahren der Blick vor allem ins Ausland, etwa zu inhaftierten Autoren und Journalisten in der Türkei, schweifte oder in die Vergangenheit – wie auch in diesem Jahr in Erinnerung an den Kaukasuskrieg im Buchmessenland Georgien -, ist man durch die Vorfälle in Chemnitz gezwungen, vor der eigenen Haustür zu kehren. Der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, wählte bei der Eröffnung am Dienstagabend ungewöhnlich deutliche politische Worte.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzte am Mittwochmorgen unter der Überschrift „Vom Dafürhalten. Wie wir die Freiheit in stürmischen Zeiten verteidigen“ ein klares Zeichen gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Politiker eröffnete die neue zentrale Bühne auf der Agora-Freifläche, den „Frankfurt Pavilion“ – die englische Schreibweise ist programmatisch für das internationale Selbstverständnis der Messe. Das kokonartige Zelt auf einer Holzkonstruktion soll zum Wahrzeichen der Messe werden. Es lässt Licht durch, ist aber zugleich blickdicht und in der Ambivalenz somit ein treffendes Symbol für den Umgang mit der Neuen Rechten.

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Frankfurter Buchmesse: Steinmeier kritisiert Umgang der Medien mit Populismus

Frankfurt rückt näher ans Publikum – mit einem „Bookfest“

Stefan Lauer von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die für Freitag zu einer Protestveranstaltung aufgerufen hat, formuliert es so: „In der Demokratie müssen wir solche Meinungen zwar aushalten, solange sie sich im rechtlichen Rahmen bewegen, aber wir müssen auch etwas dagegensetzen.“ Der Plan – so wirkt es zum Auftakt der Messe – scheint in Frankfurt aufzugehen. Das ist auch eine Bestätigung für die zuletzt immer mehr infrage gestellte Rolle der Literatur in einer sich transformierenden Kulturlandschaft. Laut einer aktuellen Studie hat der Buchmarkt seit 2013 mehr als sechs Millionen Käufer verloren. Gleichzeitig erstehen aber die verbleibenden Leser mehr Bücher als früher, so dass der Umsatzrückgang des mit neun Milliarden Euro noch immer größten Kulturmarktes bei nicht einmal zwei Prozent liegt.

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Hörbücher erobern das Smartphone

Die Buchmesse reagiert mit einer Akzentverschiebung. Betonten die Frankfurter lange das Selbstverständnis als Fachmesse, gleicht sie sich mit dem „Bookfest“ und einer populären Science-Fiction-Lounge der Leipziger Publikumsmesse immer mehr an. Am Wochenende, wenn sich die Messe für die Leser öffnet, verzeichnet Frankfurt jährliche Zuwachsraten von 20 bis 30 Prozent und liefert somit ein Gegenargument für kulturkritische Unkenrufe. Der Diogenes-Verlag wirbt auf der Messe mit dem Spruch: „Lassen sie uns auf alle anstoßen, die noch lesen.“

Von Nina May / RND

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