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Kultur Georg Ringsgwandl: „Die Wilden sind unterwegs“
Nachrichten Kultur Georg Ringsgwandl: „Die Wilden sind unterwegs“
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18:11 07.03.2019
Fetter Radau, dass es knallt: Der bayerische Liedermacher Georg Ringsgwandl macht seinen Fans mit über die Jahre liegengebliebenen Songs ein Geschenk. Quelle: Armin Weigel/dpa
Hannover

Anarcho-Liedermacher und ehemaliger Chefarzt, Intellektueller mit bayrischer Mundart: Georg Ringsgwandl lebt zwischen Extremen. „Andacht & Radau“ heißt sein aktuelles Album mit Neuaufnahmen bislang unveröffentlichter Songs aus den vergangenen 30 Jahren, das er sich zum 70. Geburtstag spendierte. Ein Interview.

Wenn Sie auf die Welt schauen, Herr Ringsgwandl: Ist Ihnen da eher nach Andacht oder Radau zumute?

Auf der Welt herrscht schon genug Radau. Man sollte die Welt mit mehr Andacht und vor allem Respekt davor behandeln, dass eine Unmenge von Menschen schlechte Zeiten haben. Das war zwar schon immer so, aber heute weiß man, dass es so ist. Darum sollten wir in Ruhe überlegen, was wir da verbockt haben.

Ein großes Thema Ihres Albums scheint allerdings zu sein, was man gerade nicht weiß, ob nun im Song „Deppert“ oder beim „Digitalen Proletariat“ ...

Es ist meine feste Überzeugung, dass keiner von uns die Welt versteht. Wenn mir einer erzählt, er habe alles verstanden und er wisse vor allem, was zu geschehen hat, wende ich mich mit leichtem Gruseln ab.

Woran liegt es? Ist die Welt komplizierter geworden? Oder gibt es einfach zu viele Menschen, die Patentrezepte und einfache Lösungen anbieten?

Die Welt war schon immer kompliziert. Aber es ist ein Unterschied, ob man wie in der Steinzeit einfach nicht wusste, was anderswo geschehen ist, und sich nur mit einem Umkreis von 30, 40 Kilometern befasst hat, oder ob man wie heute weiß, was in jedem Winkel der Welt passiert. Wenn in Spanien ein Kind in ein Loch fällt, denkt die ganze Welt darüber nach. Die Welt brettert in einem fort auf alle ein, und das macht die Leute leicht verrückt.

Was kann man tun?

Es hilft nichts außer einer feschen kleinen Kombination aus Gelassenheit, Anstand, Mitgefühl und Respekt.

Sie haben auf „Andacht & Radau“ Lieder versammelt, die es in den vergangenen 20,30 Jahren aus unterschiedlichen Gründen nicht auf Ihre Alben geschafft haben. Warum war jetzt der rechte Zeitpunkt?

Über die Jahrzehnte sind schöne Sachen liegen geblieben. Die haben wir live gespielt, vielleicht auch abgespielt, aber dann haben immer wieder Leute gefragt: Warum gibt es die nicht auf Platte? Und ich dachte, es wäre schön, mal ein Album mit solchen „lost Tracks“ aufzunehmen, habe das einige Jahre vor mir hergeschoben und dachte nun, der 70. Geburtstag von dem alten Knochen ist ein guter Anlass dafür.

Als Arzt wären Sie schon im Ruhestand.

Als Arzt wäre ich schon lange im Ruhestand, das stimmt.

Stattdessen muss die Welt weiter an Ihrer Musik genesen?

Ich lebe halt in keiner Tarifwelt und mache seit 26 Jahren ausschließlich das, was mir Spaß macht. Es gibt keinen Grund dafür, damit aufzuhören, solange meine kreative Fabrik noch sprudelt.

Nun haben Sie, sagten Sie jüngst in einem Interview, diese Lieder so aufgenommen, wie Sie das vor 20,30 Jahren nicht gekonnt hätten. Was meinen Sie damit?

Ich habe alleine angefangen, was völlig wild und ungezügelt war, dann mit einem Trio aus Amateuren weitergemacht, weil die Profis nicht mit mir zusammen spielen wollten. Die haben sich mit Grauen abgewendet. Aber über die Jahrzehnte habe ich gelernt, wie man mit Musikern umgeht, und kann auch selber die Sachen so spielen, wie es sich gehört. Auch deswegen war jetzt der richtige Zeitpunkt für das Album. Wobei die Lieder aus so unterschiedlichen Ecken kommen, auch stilistisch, dass es fast unmöglich ist, dass sie auf ein Album passen. Ihre einzige Gemeinsamkeit, ist, dass der selbe Typ sie gemacht hat, und der ist mehrfach bewusstseinsmäßig gespalten.

Wie schreiben Sie Ihre Songs? Bekommen die Musiker von Ihnen fertige Notenblätter in die Hand gedrückt?

Es ist oft extrem roh und spontan. Manche Sachen schreibe ich unterwegs am Nachmittag. Ich singe denen das vor, und wir jammen die Nummer. Dann spielen wir es drei-, viermal und probieren es am Abend aus. Und am zweiten Abend wissen wir, was wir anders machen müssen, und nach drei vier Konzerten klingt es schon ganz ordentlich. Aber manchmal feile ich auch wochenlang zuhause an so einem Teil herum. Es ist unterschiedlich.

Ihr vorangegangenes Album „Woanders“ haben Sie in Ihrer Wohnung aufgenommen. Dieses hier auch?

Nein, das war ja mehr Andacht, mehr leise Musik, akustisch. Wir haben versucht, unter Kammermusik-Bedingungen schwarzen Groove zu machen. Das konnten wir gut in meinem Wohnzimmer aufnehmen. Aber so schön das ist, hat das musikalische Spektrum doch noch andere Aspekte, nämlich einen fetten Radau, wenn es knallt, dass man denkt, der Typ hat nicht alle Tassen im Schrank. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Also sind Sie in ein Studio gegangen?

Kein Studio, nein. Wir haben uns in einer alten Schule eingemietet, die zu einem Club umgebaut wurde. Eine offene Lokalität.

Mögen Sie keine klassischen Studios?

Nee.

Warum nicht?

Ich kann mit Studios nichts anfangen. Ich brauche einen Aufnahmeplatz, der offen ist. Studios haben immer so etwas Büro-, Beamtenmäßiges. Ich will eine normale Umgebung, nichts mit irgendwelchen abgedämmten Wänden und mit Bunkeratmosphäre. Das ist so trostlos.

Jetzt sind Sie, so Ihr Tourtitel, „Wuide unterwegs“? Das heißt, habe ich mir sagen lassen, nicht „wieder“, sondern „wild unterwegs“.

Wilde unterwegs. Genau, die Wilden sind unterwegs.

Sind Sie immer wild oder nur unterwegs?

In bestimmten Teilen meines Programms raste ich aus, verliere ich die Fassung; das ist Teil meiner Bühnenfigur, die manchmal vollkommen gaga ist. das ist mir ein großes Bedürfnis. Das sind so Zustände, wo man sagen kann, der ist reif für die Anstalt. Aber diese Zustände sind einfach auch unglaublich schön und beglückend.

Auch kathartisch?

Ich kann jetzt nicht so gut griechisch, aber ich glaube, irgendwo in der Richtung liegt es (lacht). Aber es gibt eben auch Momente, die von einer ganz stillen, tief empfundenen Zartheit sind. Dazwischen soll das Ganze schwingen.

Also zwischen Andacht und Radau?

Genau, denn ich glaube, keines von beidem ist allein auf Dauer auszuhalten. Bei einem Konzert nicht und auch im Leben nicht: Denn zwischen Taufe und Beerdigung gibt es doch ein ganzes Spektrum zu erleben.

aktuelles Album: Georg Ringsgwandl: Andacht & Radau (Blankomusik/Sony)

Konzertauswahl: 7. März, Hannover – Capitol; 8. März, Oldenburg – Kulturetage; 9. März, BremenTheater am Goetheplatz; 10. März, HamburgSt. Pauli Theater; 23. November, Frankfurt – Alte Oper.

Von Stefan Gohlisch / RND

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