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Kultur Mit Hang zum Skandalösen: Italienische Regie-Legende Bernardo Bertolucci ist gestorben
Nachrichten Kultur Mit Hang zum Skandalösen: Italienische Regie-Legende Bernardo Bertolucci ist gestorben
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15:20 26.11.2018
Großer Cineast: der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci. Quelle: picture alliance / Pacific Press
Rom,

Fürs Kino gewonnen war Bernardo Bertolucci wohl von dem Moment an, als seine Eltern ihm zum Schulabschluss eine Reise nach Paris schenkten. Ausgiebig besuchte er die Cinématheque Française - und kehrte mit einem Schuss Nostalgie auch in seinem vorletzten Film „Die Träumer“ (2003) noch einmal an diesen magischen Ort der Kinoleidenschaft zurück.

Drei filmbesessene junge Leute ließ er im Umbruchjahr 1968 durch Paris stromern – frankophiler hat ein Italiener kaum je gefilmt. Noch einmal durften die jugendlichen Helden genießen und auch durchleiden, was Bertoluccis Filme auszeichnete: Sie probten die Revolution und die sexuelle Befreiung gleichermaßen.

„Der letzte Tango von Paris“ wurde in manchen Ländern verboten

Auch Bertoluccis Aufsehen erregender Skandalfilm „Der letzte Tango in Paris“ ließ sich zunächst so interpretieren. In einigen Ländern wurde er nach seinem Erscheinen 1972 verboten. Ein italienisches Gericht verurteilte Bertolucci sogar wegen „Obszönität“ zu zwei Monaten Haft auf Bewährung. Zugleich wurde der Film über einen alternden Amerikaner (Marlon Brando) und eine junge Französin (Maria Schneider) als provokative künstlerische Erkundung des Sexuellen gefeiert - bis der Film in Bertoluccis letzten Lebensjahren einen dunklen Schatten auf sein Schaffen warf.

Denn der eigentliche Skandal wurde erst viel später offenkundig: Betolucci räumte ein, die damals gerade 19-jährige Schneider genötigt zu haben. Von der berühmt-berüchtigten Szene um eine anale Penetration mit Hilfe eines Stück Butters habe sie vorab nichts gewusst. Bertolucci wollte ihre wirkliche Erniedrigung filmen. Zwar war die Vergewaltigung „nur“ simuliert, aber die sexuelle Demütigung verletzte Schneider tief und ließ sie ihr ganzes (Film-)Leben nicht mehr los.

Missbrauch einer jungen Frau durch zwei machtvolle Filmmänner

Es brauchte erst die MeToo-Debatte, um diese unheilvolle Geschichte als das kenntlich zu machen, was sie war: der Missbrauch einer jungen Frau durch zwei machtvolle Filmmänner. „Ich fühle mich deshalb schuldig“, bekannte Bertolucci. Aber da war es zu spät. Schneider war 2011 gestorben und hatte nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen.

Seine Kinokarriere hatte Bertolucci, der 1940 in Parma geborene Sohn eines Dichters und einer Literaturlehrerin, auch dank der Kontakte seine Vaters gestartet: Kein Geringerer als Pier Paolo Pasolini heuerte ihn als Regieassistent für „Accatone“ an. Pasolini war von der Arbeit des jungen Mannes so angetan, dass er ihm ein Drehbuch anbot. Bertolucci zögerte keine Sekunde.

Verbindung von Poesie und Politik

Von nun an gingen Poesie und Politik in Bertoluccis Filmen eine untrennbare Verbindung ein. Er verstand sich als Marxist und war 1968 in die Kommunistische Partei Italiens eingetreten. Zugleich beharrte er aber stets auf dem Recht des Einzelnen in der Gemeinschaft. „Ich entdeckte den individuellen Aspekt politischer Revolutionen“, hat er mal gesagt.

In „l Conformista/Der große Irrtum“ (mit Jean-Louis Trintignant) erzählte Bertolucci von einem faschistischen Mitläufer. In „1900“ breitete er ein halbes Jahrhundert italienischer Geschichte aus. Der Großgrundbesitzersohn Alberto (Robert De Niro) und das Landarbeiterkind Olmo (Gérard Depardieu) wachsen auf einem Gut in der Emilia-Romagna, Bertoluccis Heimat, zu Gegenspielern heran.

Stars wie Burt Lancaster und Donald Sutherland wollten unbedingt bei diesem fünfstündigen Epos dabei sein: Hollywood öffnete dem Italiener seine Türen für opulente Großproduktionen.

Suche nach Erlösung in anderen Kulturkreisen

Erlösung suchte Berlusconi verstärkt in anderen Kulturkreisen: „Der Himmel über der Wüste“ (1990) oder „Little Buddha“ (1993, mit Keanu Reeves als Siddhartha!) führten ihn in die Fremde. Sein größter Erfolg war „Der letzte Kaiser“ (1987), der mit neun Oscars überhäuft wurde, darunter zwei für Regie und Drehbuch.

Wie so oft bei Bertolucci ergänzten sich in diesem Historiendrama Opulenz und kammerspielartige Enge. Ein Kind wird im Goldenen Käfig gehalten, wird Kaiser und endet als einfacher Gärtner in der Volksrepublik China. Private Sehnsüchte und historische Gewalt prallen aufeinander.

Bertoluccis letzter Film erzählte von einem Teenager und seiner älteren Halbschwester, die sich im Keller eines Mietshauses verstecken und dort erst richtig kennenlernen. „Ich und Du“ (2012) nach dem Roman von Niccolò Ammaniti schaffte es kaum mehr in deutsche Kinos. Die große Zeit europäischer Revolutionäre mit Kinomitteln war vorbei.

Nach langem Krebsleiden ist Bernardo Bertolucci am Montagmorgen im Alter von 77 Jahren in seinem Haus in Rom gestorben.

Von Stefan Stosch/RND

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