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Kultur Die Proteste aus Chicago klingen altbacken
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10:10 05.11.2018
Energiebündel im Trainingsanzug: Trompeterin Jaimie Branch. Quelle: Camille Blake/ Berliner Festspiele
Berlin

Was kann Jazz? Diese Grundsatzfrage – „So what can jazz do?“ – rief der in Berlin lebende Eröffnungsredner Bonaventure Soh Bejeng Ndikung wiederholt mit suggestivem Pathos ins Publikum. Dabei entsprangen seine Antworten (Protest, Befreiung, Heilung) einem wohlfeilen, plamphletistischen Geist und blieben deutlich hinter der Musik zurück. Aber was kann Jazz anno 2018?

Am Sonntagabend ging das 55. Jazzfest Berlin im Haus der Berliner Festspiele mit einem Gitarrenkonzert zu Ende, das mit meditativen Wohlklängen vorangegangene Dissonanzen zudeckte. Die 27 Veranstaltungen in vier Tagen boten aber eine gute Gelegenheit, einmal zu ermitteln, ob sich die Jazzer immer noch auf alten Lorbeeren ausruhen oder der Zeit endlich einmal wieder voraus sind.

Mehr Weiblichkeit im Jazz

Mit Nadin Deventer kuratierte erstmals eine Frau das wichtige Jazz-Festival. Da sich das Publikum vornehmlich aus weißen Männern im Donald-Trump-Alter zusammensetzt, musste sich die 41-Jährige zunächst einmal skeptischen Fragen stellen. Selbstbewusst plädierte sie für mehr Weiblichkeit und für eine Rückbesinnung des Jazz’ auf politische Inhalte. „Martin Luther King hat 1964 das erste Jazzfest Berlin eröffnet. Kings Themen wie Rassismus, Ausgrenzung von Minderheiten, Emanzipation und der Kampf um Gleichstellung sind wieder relevant“, betonte Deventer in einem Spiegel-Interview.

Mit dem Chicago-Schwerpunkt, den sie programmatisch setzte, beschwört sie den Blues von Muddy Waters (1915-1983), die suggestive Emphase spiritueller Erweckungspredigten und den Geist einer afroamerikanischen Avantgarde, aus dem schließlich der erste schwarze US-Präsident Barak Obama hervorging. Aus Chicago brachten die Musiker ihren geballten Donald-Trump-Frust mit. Allerdings fehlt es ihnen an neuen ästhetischen Ideen. Der Sound, den sie anstimmten, war erschreckend gleichförmig. Ihre instrumentalen Darbietungen wurden in der Regel durch Wort-Kaskaden aufgeladen – schwarze Sprecher-Stimmen, die konkrete oder abstrakte Texte deklamieren und sich, unterstützt von Hall-Effekten, in rhetorischen Wiederholungen ergehen.

Der Tiefpunkt des Festivals

Tiefpunkt war das Gastspiel des einst so gefeierten Art Ensemble of Chicago am Freitagabend. Altbacken und müde, theatralisch und kitschig wirkte das weitgehend durchkomponierte Arrangement der Musiker, die sich als bunter Haufen gerieren, aber die eingerosteten Gleise nicht verlassen. Im Zentrum stand der legendäre Saxophonist Roscoe Mitchell. Er lieferte am Freitag gleich zwei ewige Soli ab und demonstrierte, dass man auch mit 78 Jahren noch die Zirkularatmung beherrschen und auf dem Instrument unentwegt wie eine Lerche zwitschern kann. Als Meditation oder Konzeptkunst mag das angehen, doch der Jazz im 21. Jahrhundert versteht sich ja angeblich als gesellschaftliche Disziplin.

Einige Musiker wie die Flötistin Nicole Mitchell zeigten zum Glück in kleineren Besetzungen, wie kommunikativ und quicklebendig Jazz in Chicago immer noch ist. Ihr Black Earth Ensemble bot am Eröffnungsabend mehr als schwarze Vollwertkost. Es intonierte Weltmusik vom Feinsten, in der sich auch Harfe, Langhauslaute und Taiko-Trommel, Holz- und Querflöte in ein homogenes Gewebe einbringen. Einige der Chicagoer fügten sich zudem grandios in ein Festivalorchester ein. Unter der inspirierenden Leitung des Trompeters Rob Mazurek musizierten sie gemeinsam mit sechs deutschen Musikern. Das Kalkül ging auf, zwischen kurzen komponierten Setzungen entstand viel Raum für die improvisierte Begegnung.

Jaimie Branch: Energiebündel im Trainingsanzug

Die 35-jährige Trompeterin Jaimie Branch, die in zwischen in New York lebt, saß in der ersten Reihe des Orchesters und zügelte sich eindrucksvoll. Am Tag drauf wurde nämlich deutlich, was dieses kleine, kugelige Frau im Trainingsanzug mit Basecap für ein Energiebündel ist. Als Solistin, gerahmt von zwei Streichern und einem Schlagzeug, morste sie mit ihrer Trompete ganz neue Töne. Sie bläst sehr fest, nicht schön, aber äußerst farbig und braucht nur wenige Kolorit, um Anleihen aus Disko und Punk, Polka und Ska zu verarbeiten.

Jaimie Branch bot eine wirklich zeitgenössische Position. Zeitgeist anno 2018 verkörperten auch zwei Trios, die auf kleineren Bühnen zu erleben waren. Heinz Herbert aus der Schweiz und Hermia/Darrifourcq/Ceccaldi aus Frankreich beeindruckten durch bombastischen Minimalismus. Ihre mantraartigen Kompositionen trugen sie kraftvoll und mitreißend vor. Zwei echte Festival-Entdeckungen!

Doch was kann Jazz? Das Berliner Jazzfest konnte den üblichen Antworten keine neue Facette zufügen. Nadin Deventers Plädoyer für eine Rückbesinnung auf die schwarzen Anfänge des Jazz vor mehr als 100 Jahren erhielt am Samstagabend dann aber doch noch eine kräftig Nahrung. Der Pianist Jason Moran wagte eine breit angelegte Hommage an den tragischen Jazz-Pionier James Reese Europe (1881-1919), die er mit einem Requiem für den gerade mit 49 Jahren verstorbenen Trompeter Roy Hargrove verband. Wenn Moran die Raffinesse, Ekstase und Komik des Ragtimes vergegenwärtigt, gelingt ihm mehr als eine museale Würdigung. Aber seiner Zeit voraus ist der Jazz gegenwärtig nicht.

Von Karim Saab / RND

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