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Kultur John Cage: Revolutionär und Meister der Stille
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13:10 04.09.2012
John Cage gilt als einer der revolutionärsten Erneuerer der Musik im 20. Jahrhundert.  Quelle: Jörg Schmitt

So revolutionär, dass er in Deutschland jahrzehntelang von Kollegen als Scharlatan geächtet und ausgeladen wurde. Heute ist der Mann, der den Klang kostbarer Konzertflügel mit Schrauben und Radiergummis präparierte und den Zufall zum Kompositionsprinzip erhob, in der Szene unangefochten. Im Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag (5. September) gab es weltweit Sonderveranstaltungen.

In Halberstadt (Sachsen-Anhalt) startet am 5.9. ein mehrtägiges Cage-Festival. In der dortigen St. Burchardi-Kirche läuft seit 2001 das wohl langwierigste Konzert aller Zeiten. Ein Cage-Stück auf der Kirchenorgel, endlos gedehnt und auf 639 Jahre angelegt mit kleinen Sandsäckchen auf den Orgeltasten. Die Bochumer Ruhrtriennale startete Mitte August mit Cages Opern-Collage "Europeras 1 & 2". Zehn Sänger, je fünf Frauen und Männer, aus zehn europäischen Ländern sangen dabei - teils gleichzeitig - verschiedene Arien-Bruchstücke aus dem traditionellen Repertoire. Wie lange die sich überlagernden Stücke dauern durften, bestimmte ein Zufallsgenerator.

John Cage, in Los Angeles geboren, war der Sohn eines Erfinders. Seit der vierten Klasse bekam er Klavierunterricht. Erst wollte er Priester werden, dann studierte er Musik und Architektur. Mitte der 30er Jahre wurde John Cage Schüler von Arnold Schönberg - einem der Begründer der Zwölftontechnik. Cage lehrte nach dem Studium an verschiedenen US-Hochschulen und schrieb Musik für die Tanztruppe des Avantgarde-Choreographen Merce Cunningham, seines späteren Lebenspartners.

Cage liebte Experimente. Als er 1940 eine rhythmische Begleitmusik für das Tanzstück "Bacchanale" komponieren wollte, im Theater aber kein Platz für Schlaginstrumente war, präparierte er kurzerhand den kleinen Flügel vor der Bühne mit Alltagsgegenständen auf den Saiten im Inneren. Schrauben, Plastikstücke und Radiergummis ließen das Klavier bollern, scheppern und zirpen, die Töne und Harmonien traten zurück - fast wie bei einem Schlagzeug mit Tasten. In einem Präparationsplan am Anfang der Partitur legte Cage genau fest, welches Material auf welche Saite zu legen war. Ein völlig neuer Klavierton war geboren.

Fernöstliche Musik und Philosophie haben Cage früh interessiert. Unter dem Eindruck einer Lebenskrise - der Trennung von seiner Frau - befasste er sich intensiv mit dem Zen-Buddhismus. Das taten viele in den USA, aber Cage setzte die Zen-Philosophie radikal in die Musik um: Um aus dem Ich, dem Subjektiven, herauszutreten, machte er den Zufall zum Kompositeur. Die Tonhöhe und Dauer bestimmte er mit Würfeln, dem Werfen von Stäbchen, oder er nahm den Sternenhimmel als Vorbild für die Partitur.

Die Notation der Cage-Werke ohne Takte und später in völlig freien Systemen mit Linien und Punkten zwang den Musiker viel stärker als bisher zum Mit-Schöpfen. "Cage gibt einem das Schachspiel, aber die Partie muss man schon selbst spielen", sagt der Pianist und Cage-Kenner Bernhard Wambach von der Essener Folkwang Universität der Künste. Da die Musiker auf solchen freien Partituren nicht mehr mitlesen können, was der jeweils andere macht, müssen sie in Orchesterkonzerten Zeitwerte für die einzelnen Passagen oder "Ereignisse" festlegen. Das verändert auch die Rolle des Dirigenten: Er bestimmt nicht mehr komplett den Gesamtklang, dafür muss er die Stoppuhr für Anfang und Ende der Ereignisse im Blick behalten.

Das Publikum hat sich an solche experimentellen Klänge lange gewöhnt. Es kommt nicht in Scharen, aber die Zuhörer folgen dafür hochkonzentriert, berichtet Wambach etwa von einem großen Cage-Konzert Ende vergangenen Jahres in der Essener Philharmonie. Weithin bekannt auch jenseits der Neue Musik-Nische ist dabei paradoxerweise ausgerechnet das Musikstück von Cage, das auf äußere Wirkung völlig verzichtet: In "4.33" erklingt kein einziger Ton. Der Dirigent markiert nur mit Armbewegungen die drei "Sätze" des komplett stummen Konzerts. Und die Musik müssen sich die Zuhörer aus den Geräuschen im Saal - einem unterdrückten Hüsteln, dem Rauschen der Klimaanlage, einem Alarmhorn in der Ferne - und ihrer Fantasie selbst zusammensetzen.

dpa

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