Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur Kieler Autorin Kirstin Warschau im Interview
Nachrichten Kultur Kieler Autorin Kirstin Warschau im Interview
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:54 05.02.2015
Von Ruth Bender
Blick zurück ins Heute: Kirstin Warschau am Parkhaus in der Kieler Bergstraße, einer der Schauplätze ihres neuen Krimis. Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Vorab sprachen wir mit der Autorin, 1965 in Kiel geboren, über Heimatgefühle, Schreibblockaden und Punk.

„Ostseewut“ erzählt von einer vermissten Frau und vielen Verdächtigen – aber auch von einer Punkband im fortgeschrittenen Alter. Woher kam die Idee?

Ich hatte dieses Bild im Kopf: ein Mann, graue Haare, Lederjacke, der aus dem Carport rausfährt zur Probe. Die Punkband war ein Bild dafür, wie etwas, das vor 25 Jahren eine Rolle gespielt hat, immer noch fortwirkt. Ich hatte Ende der Achtziger auch Stoppelhaare und fand Punk gut. In der Jugend geht es ja um Abgrenzung. Mittlerweile aber hat man einiges erlebt, hat Kinder, Familie – und macht trotzdem Musik mit seiner Band. Mich hat interessiert, was daran ein Vierteljahrhundert später immer noch wichtig ist.

Haben Sie recherchieren müssen, oder hat es gereicht, in die eigene Erinnerung zu tauchen?

Ich habe Gespräche geführt, mit Zeitzeugen der Punk-Ära. Tim, mein Freund, zum Beispiel war ja früh dabei, schon 1979 in London. Er hat mich auch in Sachen Musik beraten, da kenne ich mich nicht so aus. Aber hier stehen ja noch die ganzen alten Platten von Suzie and the Banshees bis zu den Goldenen Zitronen. Ich habe also praktisch auf das heimische Archiv zurückgegriffen.

Und wo sind Sie am liebsten tanzen gegangen?

Natürlich ist man damals auch jedes Wochenende in den Hinterhof und ins Subway gegangen. Das ist ja ein ganz merkwürdiges Gebäude da in der Bergstraße. Dieses verwinkelte Parkhaus, die Katakomben. Die sind echt Unterwelt.

Die Band-Mitglieder werden dann heftig mit ihrer Vergangenheit und einem ungeklärten Todesfall konfrontiert. Was war zuerst da: die Band oder der Fall?

Da passiert immer viel gleichzeitig. In den Achtzigern gab es ja in der Bergstraße tatsächlich eine unheimliche Mordgeschichte. Eine Tramperin wurde ermordet, einige Prostituierte und eine junge Frau in Mönkeberg. Dieser letzte Fall konnte dem Täter erst vor ein, zwei Jahren nachgewiesen werden. Ich erinnere aber ein Phantombild damals in den Kieler Nachrichten, das mich sehr beschäftigt hat. Ich habe lange immer wieder gedacht, jemanden erkannt zu haben, der dieser Mann auf diesem Bild sein könnte. Und irgendwann bin ich darauf gekommen, dass solche Verdächtigungen und falschen Schlüsse Einzelne sehr treffen können – wie es im Buch ja passiert.

In dieser Konstellation wird Olga Island quasi zum Gegenentwurf. Die Kommissarin ermittelt mittlerweile mit Kind im Tragetuch.

Ja, ich wollte über die Erfahrung schreiben, ein Kind zu haben – und wie das zum Arbeitsleben einer Kriminalkommissarin passt. Oder nicht passt. Denn so ein kleines Kind lässt sich ja nicht in den Schichtdienst einbauen. Ich fand es dann aber doch schwierig, davon zu erzählen. Es ist einfacher, eine Heldin zu haben, die flexibel reagieren kann. Die sich ständig neu verliebt. Die abends einen trinken geht. Da hatte ich wirklich eine Schreibblockade, bis mir ein Bekannter mal den Tipp gegeben hat: „Diese Olga braucht doch eine Tagesmutter.“

Man bekommt in „Ostseewut“ durchaus das Gefühl, dass sich Olga innerlich so langsam von der Polizeiarbeit verabschiedet. Ist denn da tatsächlich etwas dran?

Jaaa … Aber es gibt schon noch ein paar Geschichten, und vielleicht macht sie ja als Privatdetektivin weiter.

Woher hat Olga Island eigentlich ihren auffälligen Namen?

Zuerst hieß sie ziemlich langweilig Hilke Nissen. Aber dann wurde Hilke zu Olga, nach der Kommunistin Olga Benario, beziehungsweise nach einer Kneipe in Berlin, an der ich auf dem Weg nach Hause immer vorbeigekommen bin. Jeden Abend, gefühlte hunderttausend Mal. Island kommt von Island, wo ich es sehr toll fand. Außerdem habe ich da eine Freundin, und an ihr mag ich, wie frei und gleichberechtigt die Leute dort sind. Das sollte auch ein bisschen einfließen.

Nach dem nördlichen und westlichen Umland von Kiel verzweigt sich der vierte Krimi diesmal in die Probstei und in die Holsteinische Schweiz. Was verbinden Sie damit?

Die Probstei hat für mich sehr heimatliche Gefühle. Ich bin ja auf dem Ostufer groß geworden. Von da waren die Strände in Stein und Heidkate im Sommer natürlich fester Anlaufpunkt. Und den Plöner See mag ich einfach sehr. Der hat sogar sein eigenes Klima.

Sammeln Sie solche Eindrücke?

Ich habe einen Stapel Hefte. Darin sammele ich Ideen, Orte, Skizzen oder Informationen, etwa die polizeilichen Dienstgradabzeichen. Und Sachen, die mich beim Zeitunglesen interessieren, schneide ich aus. Ich muss mich dann nur erinnern, dass ich sie habe.

Wie sieht dann der Schreibprozess aus?

Ich arbeite ziemlich chaotisch.

Und das heißt genau?

Man richtet erstmal ein ziemliches Chaos an, das man dann ordnen muss. Es ist nicht so, dass ich das erste Kapitel schreibe und dann das zweite. Mir fällt eher mal was zum Schluss ein, dann zu einer Figur. Oder ich muss eine Uhrzeit nachbessern. Am Ende entsteht die Geschichte wie ein Puzzle.

Kirstin Warschau: Ostseewut. Ein Kiel-Krimi. Piper Taschenbuch, 320 Seiten, 9,99 Euro. Das Buch erscheint am 9. März; ab 7. Februar ist er in den Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung vorab zu lesen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!