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Steigerung bis zur Trance

Komische Oper Berlin Steigerung bis zur Trance

Mit der Einstudierung von „Satyagraha“ des amerikanischen Komponisten Philip Glass hat die Komische Oper für eine kleine Sensation in Berlin gesorgt, denn noch nie ist die bereits 1980 in Rotterdam uraufgeführte Oper in der Hauptstadt aufgeführt worden.

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Beeindruckes Schauspiel: Satyagraha.

Quelle: Monika Rittershaus

Berlin. Woran das liegt? Der Dirigent Jonathan Stockhammer führt das unter anderem darauf zurück, dass bei einer Spieldauer von drei Stunden „die Konzentrationsfähigkeit und die physische Ausdauer der Musiker“ von dieser „Minimal Music“ mit ihren schier unendlichen Wiederholungen musikalischer Wendungen so herausgefordert werden, dass sie an ihre Grenzen stoßen können. Durch geringfügige, kaum spürbare Modifizierungen entsteht eine geradezu hypnotische Spannung.

Philip Glass, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiern konnte, ist ab 1966 relativ regelmäßig nach Asien, besonders nach Indien gereist, um dort, angeregt durch seine Begegnung mit dem indischen Musiker Ravi Shankar und intensive Buddhismus-Lektüre, Eindrücke zu sammeln, die seinen Kompositionsstil entscheidend beeinflussen sollten. Mahatma Gandhis Kampf gegen Unterdrückung, speziell gegen die britische Herrschaft in Indien, hat ihn derart fasziniert, dass er über diesen Verfechter der Gewaltlosigkeit, der seinen friedvollen Widerstand als „Satyagraha“, als „Kraft der Wahrheit“ bezeichnete, eine Oper im minimalistischen Stil schrieb. Deren drei Akte verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft und stellen entsprechende Persönlichkeiten in den Mittelpunkt: Dem großen russischen Dichter und Ethiker Leo Tolstoi ist der erste Akt gewidmet, der zweite dem bengalischen Autor Tagore und der dritte schließlich dem Bürgerrechtler Martin Luther King.

Wer nun glaubt, er wird eine Oper im üblichen Stil erleben können, der sieht sich getäuscht. Denn Philip Glass erzählt mit seiner Musik keine Geschichte oder Handlung. Es gibt weder eine Ouvertüre noch eine Arie noch eine irgendwie spürbare Entwicklung der Charaktere, sondern eine Zeit und Raum gleichsam sprengende Abfolge von Bildern und Assoziationen, die als ein grandioses Minimal-Music-Tanz-Spektakel von dem flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui und dessen Eastman-Truppe aus Antwerpen präsentiert werden.

Der Bühnenbildner Henrik Ahr versteht es, mit einfachsten Mitteln und Lichteffekten optimale Wirkungen zu erzielen. Vor allem vollbringt er wahre Wunder mit einer großen, hochhebbaren Platte, die, je nachdem, wer auf oder unter ihr tanzt, vom Ensemble virtuos genutzt wird.

Unter den vorzüglichen, im originalen Sanskrit singenden Solisten sticht der Tenor Stefan Cifolelli in der Rolle des Gandhi hervor. Besonders sein Gesang von der Wiedergeburt kann auf ungewöhnlich eindringliche Art in den Bann schlagen.

Wer sich als Zuschauer und Zuhörer nicht völlig einlässt auf die für uns Mitteleuropäer ungewohnte Musik, der wird sich womöglich schnell langweilen. Wer sich aber öffnet, wer sich einlässt auf die endlosen Wiederholungen und die ganz aus dem Geist der Musik entstandene Choreografie, der gerät in einen mitreißenden Sog, der sich in kleinen Schritten bis hin zur Trance steigert. Der Jubel des Premierenpublikums wollte kein Ende nehmen.

Weitere Aufführungen am 31. Oktober, 2., 5. und 10. November / Kartentelefon: 030-47 99 74

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