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Kultur Kuhstall und Kakerlaken: Russischer Kafka in Düsseldorf
Nachrichten Kultur Kuhstall und Kakerlaken: Russischer Kafka in Düsseldorf
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11:16 16.09.2012
Andrej Mogutschi ist für effektvolle und bildkräftige Inszenierungen bekannt. Quelle: Horst Ossinger

Der sagte nämlich, der russische Regisseur Andrej Mogutschi bringe das Theater zum "Explodieren". So ähnlich war es dann auch am Samstagabend bei der Schauspielhaus-Premiere vom "Prozess" nach dem Romanfragment von Franz Kafka.

Holm vertraute die Spielzeiteröffnung dem St. Petersburger Avantgarde-Regisseur Mogutschi an, der in Russland für effektvolle und bildkräftige Inszenierungen bekannt ist. In Düsseldorf nutzte Mogutschi die Bühnentechnik weidlich aus und beschäftigte wochenlang mehr als 100 Leute vom Beleuchter bis zur Stuntfrau mit seiner aufwendigen und hochkomplexen Inszenierung.

Damit nicht genug. Eigens für den "Prozess" bildete Mogutschis Team aus 70 Düsseldorfern einen "Volksavantgardechor". Alle bekamen für die Inszenierung einen Schnellkurs in Sprechen, Singen und Spielen. Gekleidet in schwarze Anzüge, mit schwarzen Hüten und weißen Handschuhen mischte sich der Chor schon vor der Aufführung und in der Pause unters Publikum, besetzte die ersten Reihen im Parkett und war immer überall dabei.

Im ideenreichen Bühnenbild der Russin Maria Tregubova schweben die Schauspieler wie Marionetten am Theaterhimmel, die Bühne dreht sich wie ein Karussell, große Wattewolken hängen von der Decke, Kakerlaken-Schatten laufen massenweise über eine weiße Wand. K.'s Zimmer ist eine schiefe Ebene, unter der sich ein Abgrund in die Tiefe auftut, in die sich die Schauspieler hineinstürzen.

Kafkas "Prozess" ist die Geschichte vom Bankprokuristen K., der eines Morgens aus unerfindlichem Grund verhaftet wird, dennoch in Freiheit bleibt, dann in die Mühlen einer abstrusen Justiz gerät und schließlich hingerichtet wird, ohne dass jemals klar würde, warum.

Es wäre natürlich ein Leichtes gewesen, daraus eine regimekritische Parabel der jüngsten Justizskandale in Russland zu machen. Aber Mogutschi, der erstmals Kafka inszenierte, wollte ausdrücklich "weder politisch oder sozialkritisch noch esoterisch oder philosophisch" an Kafka herangehen. Ihm gehe es "um die Frage des Todes", sagte Mogutschi, und die gehe jeden an.

Vielleicht hat Mogutschi deshalb einen großen Laien-Chor gebildet, aus dem sich K. herausschält. Bevor es allerdings um den Tod geht, ist auf der Bühne eine Menge los. Collageartige Bühnenbilder, die Fotografie, Film und Texte Kafkas wie die Parabel "Vor dem Gesetz" zusammenführen, lassen die schauspielerische Leistung in den Hintergrund treten. Der phlegmatische Josef K., gespielt von Carl Alm, wird mitgerissen und als Marionette einer unbekannten höheren Macht schon am Anfang an Stahlseilen in sein Schicksal gehievt.

Das Stück schwankt zwischen Slapstick, Groteske und deftiger Erotik. Grausames und Komisches vermischte auch Kafka (1883-1924), der das Kino liebte. Oft wirkt die Bühne wie eine Schwarz-Weiß-Szene aus einem Stummfilm, untermalt von der treibenden Klaviermusik des russischen Komponisten Alexander Monotskov. Die einzige "lebendige" Person inmitten der bis ins Alptraumhafte gesteigerten Szenerien ist das von K. verehrte Fräulein Bürstner, mädchenhaft gespielt von Patrizia Wapinska mit Rucksack und Turnschuhen.

So ganz sicher war sich das Düsseldorfer Publikum nach drei Stunden nicht, was es nun von diesem russischen Kafka halten sollte. Aber der Applaus für alle dauerte dann viele Minuten, und am Schluss hieß es von einigen anerkennend: "Richtig Theater!"

dpa

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