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Kultur Giselle wohltuend schlicht
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00:36 29.10.2014
Von Sabine Tholund
Tanz auf schmalem Grat zwischen Beschützen und Verschlingen: Giselle (Tanja Probst), Myrtha (Timo-Felix Bartels) und das Ballett-Ensemble. Quelle: Henrik Matzen
Flensburg

Ein Mädchen vom Lande wird zum amourösen Spielball eines gelangweilten Prinzen, der bereits einer Frau seines Standes versprochen ist. Als Giselle das doppelte Spiel erkennt, verfällt sie dem Wahnsinn und taucht ab in das Reich der rachsüchtigen Geisterbräute, die alle jungen Männer mit ihrem Zauber in den Tod treiben wollen. Torwesten zeigt das Stück ohne zeitliche Gebundenheit als universelles menschliches Drama, und so kommen schon die Szenen vom ländlichen Idyll im ersten Akt ohne romantische Überhöhung aus. Auf einer sparsam eingerichteten, in Erdfarben ausgeleuchteten Bühne (Erwin Bode) präsentiert das bestens aufgelegte Ensemble in farblich zurückgenommenen Kostümen (Thomas Kaiser) ein munteres bäuerliches Treiben. Mit ausgestellten Hampelmann-Gesten werden alltägliche Arbeiten angedeutet, geballte Fäuste erzählen von zupackender Kraft, ein Tanz mit umgeschnallten Melkschemeln lässt derben Humor aufblitzen.

 Als Giselle überstrahlt Tanja Probst die umtriebige Schar mit unbekümmerter Verspieltheit. Fröhlich und scheu zugleich geht sie auf das Werben des Prinzen (Liang-Che Chien) ein, der sich in seinem schimmernd weißen Anzug wie ein Ausrufezeichen in dem einfachen Ambiente ausnimmt. Schon im ersten Pas de Deux werden die zarten Gesten des Paares schnell synchron und münden in fließender Harmonie. Auftritte des eifersüchtigen Hilarion brechen diesen Einklang. Mit eckigen Bewegungen und Händen, die sich wie Krallen krümmen, wirbelt Evgeny Gorbachev über die Bühne, auf der geometrische Elemente zum Versteckspiel einladen.

 Als Giselle den Verrat des Prinzen erkennt, verliert die Szenerie die Farbe. In fahles Licht getaucht, scheinen alle Bewegungen von einer unsichtbaren Last beschwert, zu dissonanten musikalischen Harmonien (Musikalische Leitung: Theo Saye) expressiv ins Groteske stilisiert. Ohne süßlichen Schmäh kommt auch der zweite Akt im Reich der Geisterbräute aus. Torwesten zeigt die Schar der unglücklich Betrogenen als weiß geschminkte Untote - Männer und Frauen in hautfarbenen Trikots, deren retardierende, zuckende Körpersprache an die Bewegungen lauernder Raubtiere denken lassen. Das wadenlange Tutu, Markenzeichen klassischer Giselle-Inszenierungen, wirkt bizarr an den Körpern dieser Meute, die mit Timo-Felix Bartels in der Rolle von Königin Myrtha von einem androgynen Hünen angeführt wird. Eindrucksvoll auf schmalem Grat zwischen zartem Beschützen und gierigem Verschlingen gelingt sein Tanz mit Giselle, die bei Torwesten die dunklen Mächte überwindet.

 In der Schlussszene streift Giselle ihr einfaches bäuerliches Leinenkleid wieder über und findet ins Leben zurück, während beinahe unmerklich die Farbe zurückkehrt. Ein klares Bild, dessen Verdichtung einmal mehr die Stärke dieser schnörkellosen Inszenierung spiegelt.

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