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Kultur Schulden, oder was?
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09:00 15.09.2015
Von Ruth Bender
Geld oder Leben? (v.li.) Lisa Karlström, Meike Schmidt, Lorenz Baumgarten, der nach der Vorstellung mit dem Armin-Ziegler-Preis ausgezeichnet wurde, und Deniz Ekinci. Quelle: Henrik Matzen
Schleswig

Spätestens seit Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns beschäftigt sich auch das Theater mit Bankenkrisen, Hedgefonds und Globalisierung. Und Regisseurin Kathrin Mayr und ihr Team hängen ihre zur Premiere mit starkem Beifall bedachte Doku-Fiktion an dem 2012 erschienenen Buch des amerikanischen Ethnologen und Occupy-Vordenkers David Graeber auf: Schulden – die ersten 5000 Jahre. Komplexer Stoff, den die 31-Jährige, die auch am Lichthof Hamburg und in Osnabrück inszeniert, mit ihrer spielfreudigen Schauspielertruppe in einer Collage aus Ökonomen-Talk und Alltagsszenen umkreist.

 Die hat Raum für eine Messe im Blues-Brothers-Stil, in der Deniz Ekinci als rappender Prediger zum „Talerunser“ ruft. Für die Erotik des Geldes (Meike Schmidt, Rainer Schleberger), ein loriothaftes Paar (Ekinci, Schleberger), das sich am Telefon eine dubiose Geldanlage aufschwatzen lässt. Für eine märchenhaft bizarre Hasenjagd und für Überlegungen in Endlosschleife – zu Sein und Geld („Wert, Dreck, weg“), den Realitätsverlust der Banker, die Schulden als Machtinstrument oder wie die frei konvertierbare Währung Allgegenwart erzeugt. Kein Wunder, dass sich nach all dem im Publikum keiner mehr hinreißen lässt, für einen Zaubertrick einen Fünfer auf die Bühne zu reichen.

 Die hat Bühnenbildner Fabian Wendling mit Endlospapier von der Decke, Windmaschine, Tisch und Papier-Tiermasken in einen Erwachsenen-Spielplatz verwandelt, der im Laufe des Abends zusehends ins Chaos driftet. Und die fünf Schauspieler wuppen diese Tour de Force zwischen Rollenspiel und Textgenerator leicht angespannt, aber auch mit sichtlichem Vergnügen.

 Das alles ist mutig, kurzweilig, hat einiges Blödel-Potenzial – und bleibt im Endergebnis doch ohne eine rechte Entwicklung zwischen rätselhaft papierenem Wirtschaftssprech und dem schon zum Allgemeingut gewordenen Zeitungswissen zur Finanzkrise 2008 stecken. Irgendwann rauscht die Windmaschine, treibt Papierschwaden über die Bühne, während die Schauspieler atemlos die letzten Schritte in die Katastrophe verkünden. Keine Umkehr, niemals. Ein apokalyptisches wie komisches Bild, in dem sich die ganze faszinierte Ratlosigkeit angesichts des Themas verdichtet. Übrig bleiben Lisa Karlström und ihre ganz reale Endlosschleife: kaputte Waschmaschine, kein Geld, keine Alternative. So direkt hätte der Text ruhig öfter kommen dürfen.

 SH Landestheater. Vorstellungen: 16. 9. (Husum). 19.9., 1., 23.10. (Rendsburg). 2., 24.10. (Schleswig). 9., 28.10. (Flensburg). www.sh-landestheater.de

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