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Kultur Nervtötendes aus der Operettenkiste
Nachrichten Kultur Nervtötendes aus der Operettenkiste
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18:22 12.03.2018
Anna Schoeck als Madame Pompadour. Quelle: Henrik Matzen
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Flensburg

Was im Jahre 1922 noch erotisch-knisternd für augenzwinkerndes Diverstissement sorgte, geriet in der Sicht des Flensburger Produktionsteams Arne Böge (Regie) und Sibylle Meyer (Ausstattung) zur platt-derben Reaktion auf die aktuelle #Metoo-Debatte, wenn kreischende, hormongesteuerte Weiberhorden jedem Männerrock (tatsächlich!) nachhechteten, die darunter vermutete Virilität handgreiflich überprüften, was gleich im ersten Akt in veritablem Rudelbums hinter abstrakt verfremdeten Büschen kulminierte.

Aus Leo Falls ironischer, diskret lüsterner Parodie auf vergangene Feudalzeiten wurde unversehens eine dumpfe Karikatur, die mit überzeichneten Plumsklo-Zoten und unsäglichem Nonsense auf die Dauer arg ermüdende Gags produzierte.

Die dekadente Obrigkeit, angefangen vom senilen Monarchen (Markus Wessiak) über eine wenig royale Trotteltruppe bis zu dämlichen Dumpfbacken vom Geheimdienst bediente sich aus der altbekannten, nichtsdestoweniger nervtötenden Klamaukkiste, brillierte aber wenigstens zeitweise mit formidablem Dadaismus-Blödsinn.

Wesentlich erfreulicher die diesmal dezent, schwungvoll und vibrierend aufspielenden Landessinfoniker unter Marc Niemann, der Leo Falls raffiniert-feinen Orchestersprache viel Sorgfalt im Detail und mitreißenden Drive angedeihen ließ. Während der vokalen Herrenriege die weiblichen Avancen hörbar auf die Stimme schlug, wusste Christina Maria Fercher als kokette Zofe Belotte mit Charme, Eloquenz und silbrigem Soprangezwitscher zu punkten.

Und Anna Schoeck als Pompadour im zeitweiligen Domina-Look gelang perfekt der darstellerisch-vokale Spagat zwischen sexy-gurrender Diseuse und mächtig in der Höhe aufblühender Operettendiva – eine sympathisch-selbstironische, souveräne Rollengestaltung, der zu Recht der Beifall des Premierenpublikums galt.

www.landestheater-sh.de

Von Detlef Bielefeld

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