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Kultur Alternativer Literaturnobelpreis: Das sagt Autor Frank Schätzing
Nachrichten Kultur Alternativer Literaturnobelpreis: Das sagt Autor Frank Schätzing
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15:19 13.10.2018
Frank Schätzing, Autor von „Der Schwarm“, findet den alternativen Literaturnobelpreis gut. Quelle: Henning Kaiser/dpa
Frankfurt

In einem Text über den Nobelpreis sollte der Preisträger am Anfang stehen. Also hier: die karibische Autorin Maryse Condé wurde am Freitag geehrt. Allerdings nicht mit dem Literaturnobelpreis.

Zur Erklärung muss man etwas weiter ausholen: Die Verkündung des Literaturnobelpreises markiert traditionell einen Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse. Dieses Jahr jedoch wird dieser nicht verliehen. Das Vergabegremium, die Schwedische Akademie, hat den Ruf als hoch ehrwürdige Institution infolge der Kontroverse um den Kulturmanager Jean-Claude Arnault und seine Frau, dem Akademiemitglied Katarina Frostenson, eingebüßt. Arnault ist soeben wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, er soll zudem Informationen über Nobelpreiskandidaten ausgeplaudert haben. Mehrere Akademiemitglieder traten aus Protest über den Umgang der Akademie mit dem Belästigungs- und Korruptionsskandal zurück. Die Akademie verlor zwischenzeitlich die Beschlussfähigkeit.

Alternativer Literaturnobelpreis – möglich durch Crowdfunding

Als Ersatz dient ein alternativer Literaturnobelpreis. Mehr als 100 schwedische Schriftsteller, Theaterleute und Wissenschaftler haben die Neue Akademie gegründet und das Preisgeld von 100.000 Euro über Crowdfunding gesammelt. Sie ließen Bibliothekare insgesamt 47 Favoriten nominieren. Mehr als 30 000 Leser aus aller Welt stimmten im Internet ab. Vier Jurymitglieder wählten aus drei Finalisten schließlich die Gewinnerin aus.

Die Schriftstellerin Maryse Condé. Quelle: imago/Leemage

Condés Vorfahren gelangten durch Sklaverei nach Guadeloupe. Die Autorin, die an der Sorbonne in Paris studierte, heiratete den Schauspieler Mamadou Condé aus Guinea und verbrachte viel Zeit in Westafrika. Hier wurde sie zu ihrem Roman „Segu“ inspiriert. Sie erzählt darin die Geschichte der aristokratischen Familie Traoré aus Mali, die durch die Sklaverei zerrissen wird. Die heute 81-Jährige singt darin das Hohelied auf eine untergegangene Kultur. Sie schreibt in einem karibisch-gefärbten Französisch und kultiviert eine expressive Sprache. Während der Jury des herkömmlichen Literaturnobelpreises Eurozentrismus vorgeworfen wird, ist Condés Auszeichnung das Signal für eine Öffnung – in dem Jahr, da auch bei der Frankfurter Buchmesse afrikanische Literatur in den Fokus gerückt wird. Die Preisträgerin sagte in einem bei der Preisverleihung eingespielten Grußvideo: „Ich möchte diesen Preis mit den Menschen von Guadeloupe teilen. Wir sind so eine kleine Region, man bemerkt uns nur bei Hurrikans und Erdbeben. Ich bin froh, dass wir jetzt auch für etwas anderes stehen.“

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Lucien Leitess, Leiter des Unionsverlags, der die Autorin in Deutschland verlegt, frohlockte am Freitag auf der Messe: „Endlich wird eine Autorin ins Rampenlicht gerückt, durch deren Texte die Weltgeschichte auf eine Weise weht, wie wir es in der Schule nie gelernt haben.“

Frank Schätzing: Mit der Auszeichnung von Maryse Condé wird der Wert der Menschenrechte betont

Das dreistufige Auswahlverfahren der Neuen Akademie, das vielfältigere Perspektiven auf Literatur ermöglicht, könnte ein Maßstab für die Schwedische Akademie sein. Das findet auch der Bestsellerautor Frank Schätzing, der auf der Messe seinen Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ über künstliche Intelligenz vorstellte. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte er: „Ich halte den alternativen Literaturnobelpreis für eine sehr gute Sache. Andere Standpunkte finde ich grundsätzlich bereichernd. Und so kann dieser Preis auch ein Vorbild für die Schwedische Akademie sein, die durch alte Strukturen zu sehr eingeengt ist.“ Mit der Auszeichnung von Condé wird ihm zufolge der Wert der Menschenrechte betont, das sei gerade „in unseren neoliberalen Zeiten“ wichtig.

Die Vorsitzende der Jury, Ann Pålsson, sagte am Freitag: „Condé gehört zur Weltliteratur. Sie erzählt auf überwältigende Weise vom postkolonialen Chaos, die Toten sind lebendig in ihrem Werk. Fiktion und Realität überlappen sich.“

Die gilt auch für das Werk des britischen Science-Fiction-Autors Neil Gaiman. Er war neben der gebürtigen Vietnamesin Kim Thúy, die als Zehnjährige als Bootsflüchtling nach Kanada kam und Heimat ihr großes Thema nennt, der dritte Autor auf der Shortlist des Preises. Seine Nominierung ist eine überfällige Anerkennung dafür, wie fantastische Werke wie Gaimans „American Gods“ die Wirklichkeit bespiegeln. Davon zeugt auch die neue Science-Fiction-Lounge auf der Buchmesse, die der im Januar verstorbenen Autorin Ursula K. Le Guin gewidmet ist.

Der alternative Literaturnobelpreis soll demokratischer als das Original sein

Die Preisverleihung des alternativen Nobelpreises fand in einer Bibliothek in Stockholm statt – ein Zeichen, dass nach den Negativschlagzeilen nun wieder die Literatur im Mittelpunkt stehen soll. Die griechisch-schwedische Kolumnistin Alexandra Pascalidou erklärte bei der Verkündung die Motivation hinter dem von ihr initiierten Preis: „Weshalb sollten die Autoren unter dem Versagen der Schwedischen Akademie leiden?“ Das Vergabeverfahren sollte „demokratischer und inklusiver“ sein, eine größere Bandbreite an Literatur berücksichtigen. Auf der Nominiertenliste standen für den herkömmlichen Nobelpreis gehandelte Autoren wie die Friedenspreisträgerin Margaret Atwood oder Amos Oz neben populären Schriftstellerinnen wie J.K. Rowling oder der Punkrockerin Patti Smith, deren Auszeichnung an den Vorjahrespreisträger Bob Dylan angeknüpft hätte.

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami hatte im Vorfeld in einer E-Mail an die Neue Akademie darum gebeten, seinen Namen wieder von der Shortlist streichen zu lassen. Er wollte sich wohl die Chance auf den richtigen Preis nicht nehmen lassen, zu dessen Favoriten er Jahr für Jahr zählt. Sabine Cramer, die Verlegerin seines deutschen Verlages Dumont, zeigte sich zum Auftakt der Messe entspannt. Sie sagte: „Die Buchmesse ist für uns immer hektisch, aufregend und spannend – auch ohne Nobelpreisverleihung. Ich bin nicht böse, wenn es Jahre gibt, in denen dieses Thema auf der Messe keine große Rolle spielt.“ Das könnte auch im nächsten Jahr noch so sein. Laut Lars Heikenstein, Direktor der Nobel-Stiftung, kann sich die Vergabe des offiziellen Literaturnobelpreises auch noch über 2019 hinaus verschieben.

Weitere Informationen:
Neue Akademie

In der ersten Version dieser Meldung hieß es, das Preisgeld habe 1.000.000 Euro betragen. Die überzählige Null haben wir nun gestrichen.

Von Nina May / RND

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