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Kultur „Offenes Geheimnis“: Menschen unter Druck
Nachrichten Kultur „Offenes Geheimnis“: Menschen unter Druck
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07:02 27.09.2018
Große Jugendliebe: Laura (Penélope Cruz) und Paco (Javier Bardem). Quelle: Prokino
Hannover

Zwei Oscars hat der iranische Regisseur Asghar Farhadi gewonnen, beide Filme spielten in seiner Heimat Iran. Sowohl bei „Nader und Simin – Eine Trennung“ (2011) als auch bei „The Salesman“ (2016) suchte der westliche Zuschauer nach Zeichen der Regimekritik. Er tat sich damit ebenso schwer wie die Zensoren: Farhadi erzählte durchaus vom bedrängenden Alltag im Mullah-Staat, vor allem aber von einer zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Mittelschicht und von der Schuld, die sich Menschen aufladen.

Nun hat Farhadi in Spanien gedreht, in spanischer Sprache und in einem spanischen Dorf. Sein Drehbuch, geschrieben in Farsi, ließ er von einem befreundeten Autor übersetzen. Seinem Kernthema aber ist er treu geblieben. Menschen unter enormen psychischen Druck beginnen, sich voneinander zu entfremden.

Die Initialen sind in der Kirchturmmauer eingeritzt

Dafür braucht es keine Autokratie im Hintergrund. Es reicht, wenn Geheimnisse in einer Familie lauern, die gar keine sind: „Todos Lo Saben“, jeder weiß es, heißt der Originaltitel, „Offenes Geheimnis“ der deutsche. Zum Beispiel weiß jeder im Dorf, dass die nach Argentinien ausgewanderte Laura (Penélope Cruz) und der Weinbauer Paco (Javier Bardem, Ehemann von Cruz) mal ein Paar waren und sie ihm beim Abschied das Herz gebrochen hat. Hoch oben im Glockenturm der Kirche sind noch die Initialen der beiden Liebenden in die Mauer geritzt.

Nun ist Laura nach vielen Jahren mit ihren beiden Kindern zur Hochzeit der Schwester zurück aufs Land in die Nähe von Madrid gekommen. Ausgelassen wird gefeiert. Doch plötzlich ist Lauras Tochter Irene verschwunden. Der Teenager wurde offenbar entführt. Alles sieht danach aus, als kämen die Kidnapper aus der Familie. Lauras Jugendliebe Paco wird mehr und mehr in die Tragödie hineingezogen – erst recht, als Lauras Ehemann Alejandro (Ricardo Darin) aus Argentinien eintrifft. Jeder beäugt jeden mit wachsendem Argwohn.

Leichtes Fremdeln beim Spanien-Ausflug

Spielt Lauras damals überstürzter Landverkauf weit unter Wert an Paco eine Rolle bei der Entführung? Wer in der Familie braucht am dringendsten Geld? Welche Wunden sind noch immer nicht verheilt? Das Verbrechen selbst wird weniger überzeugend ausgebreitet als die schwelenden Konflikte in Farhadis Iran-Filmen (in Frankreich hat er mit „Le passé“ auch schon gedreht). Mit krimineller Energie kennt sich der Regisseur wohl weniger gut aus. Ein Fremdeln bei seinem Ausflug nach Spanien ist kaum zu übersehen. Die emotionale Wucht und subtile Stimmigkeit seiner Oscar-Filme erreicht „Offenes Geheimnis“ nicht.

Und doch blickt der Zuschauer erschrocken in sich auftuende Abgründe. Farhadi zeigt, wie der Mensch tickt, egal ob er Spanisch oder Farsi spricht.

Von Stefan Stosch

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