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Kultur Metamorphosen und Zwischenspiele
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00:20 27.03.2013
Von Ruth Bender
Formenspiele: Szene aus Natalia Horecnas Choreografie "Vor der Tür". Quelle: Struck
Kiel

Ein Mann und eine Frau im ruppig zerrissenen Miteinander – ein Streit, der aus dem Nichts entsteht, ein Tanz, archaisch expressiv in den Boden gestampft. Irgendwann liegt die Frau hingestreckt, ein Kind kommt dazu, sieht, begreift und versteht doch nicht. Brutal hingeworfen ist diese Situation und tatsächlich verstörend in ihrer Unstimmigkeit von wilder Direktheit und tänzerischer Finesse. Ausgangspunkt für ein klug fesselndes Stück Tanztheater, das sich sehr rasch vom reinen Geschichtenerzählen entfernt.

 Natalia Horecna war Solistin in John Neumeiers Hamburg Ballett und beim Nederlands Dans Theater, bevor sie zur Choreografie wechselte und im vergangenen Jahr mit Arbeiten in Chemnitz und am in Hamburg angesiedelten Bundesjugendballett Aufmerksamkeit erregte. Und ihr Stil hat sich von den klassischen Ballettwurzeln längst in einen vom Ausdruckstanz beflügelten, expressiven Eigensinn fortentwickelt. Horecna stellt Paare auf die Bühne, verloren in wundersamer Zeitlupen-Bewegung. Sie überzeichnet sie in eckig abgebrochener Gestik und schiefen Ritualen zur Groteske. Sie lässt Arme ins Leere greifen und Körper in Bewegungen hängen, die nicht wissen wohin. Poetische Bilder von Schmerz und Trauer, verstärkt von Henryk Goreckis aufgeladenen Streichquartetten und seltsam tröstlich in ihrer Nachvollziehbarkeit. Da ist Raum für atemberaubend verquere Hebungen, in denen die Tänzer zur reinen Materie zu verschmelzen scheinen. Platz auch für einen aufregend intimen Pas de deux, in dem Nikolaos Doede und Ji Won Kim ihr zerstörtes Paar vom Beginn melancholisch spiegeln – und dabei zur Hochform auflaufen. Wie überhaupt sich die zehn Tänzer in der ungewohnten Stilistik offenbar ganz zu Hause fühlen.

 Was zunächst noch vage als Handlung lesbar ist, löst sich – nun vorwiegend zur minimalistisch getakteten Musik von Terry Riley und dem Kronos Quartet – auf zu abstrakten Bildern des Verlorenseins. Mit ihren Kleidern haben sich die Tänzer auch jeglicher Individualität entledigt. Natalia Horecna lässt sie in einem ausdauernden Moment der Ruhe am Boden liegen, friert sie ein in Lichtsäulen, bevor sie sich in seltsam amorpher Bewegung wieder erheben, zur Abstraktheit verklumpen. Vor der Tür erscheint da als faszinierende Metamorphose, in der der Tanz über die Formationen zur Fläche verfließt.

 Ein Tanzstück mit Brüchen, dem eigentlich nichts hinzuzufügen blieb. Aber Ballettchef Yaroslav Ivanenko kehrt im zweiten Teil des Abends die Stimmung noch mal um, lässt unter dem Titel Auf dem Wasser zu tanzen die Puppen los. Was – frei nach Schuberts, von Mzia Jajanidze am Flügel interpretierten Auf dem Wasser zu singen – so poetisch versponnen klingt, entpuppt sich als veritable Nummernrevue, munter getanzt auf alles, was Schwung und Gassenhauer-Qualitäten hat, von Schostakowitschs Jazz Suite bis Johann Strauß’ Donau-Walzer. Klassische Luftigkeit trifft da auf eine Prise Jazz-Dance, Retro-Kostüme (Elisabeth Richter) auf reichlich Zirkusnummernpotenzial; das schüttelt die allerbest getunte Kompanie (was Ivanenko da mit Unterstützung seiner Ballettmeister Heather Jurgensen und Preslav Mantchev gelungen ist, beeindruckt stets aufs Neue) nur so aus Armen und Beinen. Und das Publikum jubelt. Dazwischen werden Rollsessel zu so originellen wie rasanten Tanzpartnern, wagt der Ballettchef mit einem witzig unbeholfenen Männerquartett als Parodie auf den Schwanensee-Walzer Ironie.

 Zwischenspiele, wie sie jeder Gala gut stünden, die sich hier aber unfein zur Hauptsache aufplustern und vor Horecnas nicht ganz so konsumable Choreografie drängeln. Dazu passt dann auch, wie der Gast im nicht enden wollenden Schlussapplaus beinah in den Kulissen vergessen ward. Eigentlich gut, dass Ivanenko Raum lässt auch für andere Tanzhandschriften; noch besser, wenn er diese für sich stehen lassen könnte.

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