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Kultur „Solo Piano III“ von Chilly Gonzales: Das Tier am Klavier
Nachrichten Kultur „Solo Piano III“ von Chilly Gonzales: Das Tier am Klavier
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12:02 16.09.2018
Kombiniert Klassik mit Jazz und Rap-Einlagen: Der Musiker Chilly Gonzales ist berühmt für seine ausufernden Auftritte. Quelle: Alexandre Isard
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Chilly Gonzales, wenn ich Sie in der Dokumentation “Shut Up and Play the Piano“ richtig verstanden habe, sind Sie von Journalisten ziemlich genervt. Stimmt das?

Ich habe an manchen Interviews wenig Freude, weil ich immer und immer wieder das Gleiche gefragt werde. Da fällt es mir schwer, geistig präsent zu sein, weil ich im Grunde schon weiß, was ich antworten werde. Allerdings sind die Interviews besser geworden, seitdem viele Journalisten den Film gesehen haben. Sie befassen sich jetzt noch mal damit, was es eigentlich heißt, eine Frage zu stellen.

Brauchen Sie “die Medien“ denn noch, um ins Rampenlicht zu kommen?

Gute Frage. Vielleicht weniger als früher, aber so genau weiß das niemand. Nur wenige Künstler haben wirklich den Mut, das auszuprobieren. Der französische Sänger Philippe Katerine meinte einmal zu mir: “Ich mache das jetzt einfach, keine Pressearbeit für mein Album.“ Er hat es wirklich bereut. Ein Jahr lang hat er Leute, auch seine Freunde, gefragt, wie sie sein Album finden – die wussten zum Teil gar nicht, dass er eines veröffentlicht hat.

Angesichts Ihrer teils ausufernden Auftritte, in denen Sie viel gestikulieren, rappen oder im Bademantel erscheinen oder gar stagediven, fällt oft der Begriff “Rampensau“.

Der stimmt auch, zu 100 Prozent. Im Konzert spiele ich mit den Leuten, kreiere mit ihnen einen Moment. Im Englischen sagt man zu “Rampensau“ übrigens “ham“ (zu Deutsch: Schinken), also auch ein Wort, das vom Schwein herkommt. Und im Französischen heißt es “bête de scène“, ein “Bühnentier“. Es geht darum, zum Tier zu werden.

Im Dokumentarfilm erzählen Sie, dass in Ihrer Familie Erfolg eine große Rolle spielte. Was sagten Ihre Eltern zum Verlauf Ihrer Karriere?

Sie haben einige Konzerte von mir gesehen, aber für sie war das eher ungewohnt. Ich verbinde meine Musik zum Beispiel mit Rap, meine Eltern würden es aber vermutlich besser verstehen, wenn ich nur Klavier spielen oder nur Comedy machen würde. Hilfreich war es allerdings, wenn eine Rezension in der richtigen Zeitung auftauchte. Ab da waren meine Eltern auf einmal entspannt. Es brauchte immer erst so eine Art Prüfsiegel, damit sie es guthießen.

Rampensau im Bademantel: Chilly Gonzales gibt ein Konzert im Rahmen des 51. Montreux Jazz Festivals. Quelle: KEYSTONE

Haben Ihre Eltern Sie denn unterstützt?

Sie hätten es lieber gesehen, wenn ich Anwalt oder Arzt geworden wäre. Musiker war für sie kein respektabler Beruf. Als ich mitten im Studium das Fach gewechselt habe, von Geisteswissenschaften zu klassischer Komposition, haben sie aufgehört, mich zu unterstützen.

Womit haben Sie Ihr Geld verdient?

Ich habe in Hotels und Bars Klavier gespielt, in Berlin etwa im Hotel Adlon oder auch in einem Auflauf-Restaurant. Ich hatte einige solcher Klavierjobs und habe auch heute Respekt vor guter Hintergrundmusik. Ein Grund, warum meine Klavier-Alben funktionieren, ist vermutlich, dass man sie einerseits im Hintergrund laufen lassen und andererseits bewusst und intensiv hören kann.

Apropos Hörbarkeit: Die Musik auf Ihren drei Solo-Klavier-Alben ist tonal, es gibt kaum Dissonanzen. Was ist der Grund dafür?

Ich interessiere mich immer noch für die Frage, was mit tonaler Harmonie geschehen wäre, wenn der Erste Weltkrieg nicht ausgebrochen wäre. Wenn sich nicht plötzlich die Musik der akademischen Welt in eine Richtung bewegt hätte, weg vom musikalischen Vergnügen. Musik wurde damals sehr intellektuell, sie reflektierte auch die Hässlichkeit der Zeit.

Wie hätte sie sich ohne die Weltkriege entwickelt?

Das kann man ein Stück weit in der Filmmusik beobachten. Viele Komponisten, die sich nicht der Avantgarde anschließen wollten, sind zum Film gegangen, Erich Wolfgang Korngold, Maurice Jarre oder Bernard Herrmann zum Beispiel. Auch Ennio Morricone hat anfangs versucht, Avantgarde-Musik zu schreiben, kam dann aber zu dem Schluss, dass er Musik machen will, die die Leute mögen – und nicht Musik, die nur analysiert wird.

In Ihrer Klaviermusik hört man Einflüsse von Philip Glass. Dieser hat einmal Komponisten in zwei Kategorien eingeteilt: jene, die Neues erfinden, und die anderen, die nur neu verpacken.

Da würde ich Glass zustimmen. Ich bin auch fasziniert von den Erfindern, von den Leuten, die wirklich etwas erschaffen. Hier und da hatte ich die Möglichkeit, mit welchen zusammenzuarbeiten – und du merkst wirklich den Unterschied.

Chilly Gonzales (l) sitzt am Klavier während eines Auftritts mit einem Kammerorchester in einer Szene aus dem Dokumentarfilm "Shut Up And Play The Piano". Der Film kommt am 20.09.2018 in die deutschen Kinos. Quelle: RapidEye Movies

Wo sehen Sie sich selbst?

Ich verpacke neu. Ich gehöre zu den Neuverpackern und trage das mit Stolz.

Und es gibt kein Stück von Ihnen, dass Sie als “Erfindung“ bezeichnen würden?

Wenn es bei mir so etwas wie Innovation gibt, dann im Bereich des Aufführens. Vielleicht finde ich mit meinen Gonzervatory-Workshops einen Weg, Bühnenperformance zu unterrichten, wovon die Leute eigentlich glauben, dass man es nicht unterrichten kann. Dafür ein System zu erfinden, das wäre meine Ambition. Da ist übrigens Joseph Pilates eine große Inspiration für mich, der Begründer der Pilates-Methode. Er hat sich eines Tages gesagt: Es muss doch einen besseren Weg geben, den Körper zu trainieren, ohne diesen ganzen Yoga-Kram.

Neben Joseph Pilates scheinen Sie auch Steve Jobs und Apple zu bewundern.

Wie kommen Sie darauf?

Sie haben Steve Jobs eine Etüde gewidmet. Und Ihr Musikstück “Never Stop“ haben Sie für eine Apple-Werbung lizenziert.

Apple ist keine große Inspiration für mich. Aber einer der größten Zahltage in meinem Leben war, als mein Musikstück für die iPad-Werbung verwendet wurde. Insofern nimmt das einen besonderen Platz in meiner Biografie ein. Da war auf einmal ein riesiger Batzen Geld, so groß, wie ich ihn noch nie zuvor hatte. Ich dachte mir: Jetzt werde ich unabhängig, ich investiere dieses Geld in mich selbst. Ich habe mein Label gestartet, hatte zwei Angestellte, ich brauchte keine Plattenfirma mehr, keine Booking-Agenten. Es war für mich die Möglichkeit, zu 100 Prozent unabhängig zu sein, das war der einzige Punkt in meinem Leben, wo Steve Jobs eine Rolle für mich spielte.

Sie leben in Köln. Mögen Sie die typische Kölner Karnevalsmusik?

Als jemand, der keinen Alkohol trinkt, der auch nicht besonders gesellig ist, respektiere und bewundere ich, was beim Karneval passiert – aber das ist wirklich nichts für mich. In der Karnevalszeit verreise ich immer, ich fahre dann nach Berlin, London oder Paris.

Chilly Gonzales: Solo Piano III Quelle: Plattenlabel

Neues Album, neue Tour, neuer Film

Die neue CD von Chilly Gonzales “Solo Piano III“ ist vor wenigen Tagen bei Gentle Threat erschienen.

Der Dokumentarfilm “Shut Up and Play the Piano“ (Regie: Philipp Jedicke) startet am 20. September in den Kinos.

Tourdaten:

21./22./23. November: Haus der Berliner Festspiele in Berlin.

15. Dezember: Konzerthaus in Dortmund.

28./29. Dezember: Philharmonie in Köln.

Von Jakob Buhre

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