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Kultur Die Klasse von 1984 – Neues Album von Muse
Nachrichten Kultur Die Klasse von 1984 – Neues Album von Muse
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13:57 08.11.2018
Die Achtzigerjahre, sie leben hoch! Muse (v. l. Dominic Howard, Matt Bellamy und Chris Wolstenholme) bei den MTV Europe Music Awards 2018 im Bilbao Exhibition Centre. Quelle: imago/PA Images
London

Ein Wolf heult in der Ferne, der Mond steht am Himmel, unter dem „Stadtgrenze“-Schild glüht rot und startbereit ein Ferrari. Da ist eine Dunkelheit am Ende der Stadt, aber der Mann steigt ein, fährt los, bringt ein geheimnisvolles VHS-Tape mit dem Titel „Simulation Theory“ rechtzeitig in den letzten Videoshop der Welt.

Die neuen Videos spielen mit der Popkultur der Achtzigerjahre

Eine Verfolgungsjagd mit einem Polizeiwagen bricht sich Bahn, endet ohne Verhaftung, denn der Testarossa springt bei Bedarf in andere Zeiten und Dimensionen wie Marty McFlys DeLorean in der Sci-Fi-Komödie „Zurück in die Zukunft“ von 1985. Außerdem ist der Stadtflüchter im Video, gespielt von Muse-Sänger Matthew Bellamy, ein Werwolf, der nur vor Silberkugeln Manschetten hat, aber gewiss nicht vor den Handschellen von Kleinstadtcops.

Das Video zum Muse-Song „Something Human“ ist ein liebevolles, eins von denen, für die man früher MTV am liebsten 24/7 geschaut hätte - ein neonbunter, dystopisch-schöner Augenbraus. „Infected“ hat jemand in Rot über das Ortsausgangsschild geschrieben, an dem der Werwolf losbraust.

Und das Lied ist in der Tat ein hübsches, infektiöses Synthpop-Virus, wie sie in den Achtzigerjahren zuhauf gemacht wurden. Geht ferrarischnell ins Ohr, setzt sich im Herzen fest. Melodie, Pathos, Synthesizerpomp. Duran Duran lassen grüßen.

Muse sind die Meister des „Wieder ganz anders“

So klingen Muse 2018. Die Meister des „Wieder ganz anders“, die sich auf ihrem letzten Album „Drones“ (2015) unter Regie von Robert John „Mutt“ Lange von zuviel Elektronik entfernen und wieder richtig rocken wollten, machen nun die nächsten stilistische Verwandlung durch. Sänger und Gitarrist Bellamy, Bassist und Keyboarder Christopher Wolstenholme und Schlagzeuger Dominic Howard, die in ihren frühen Tagen Grunge und Progrock pflegten und zeitweilig auch wie die Wiedergänger von Freddie Mercurys Queen klangen, frönen den hedonistischen Eighties und deren Popkultur.

Auch im Video zu „Pressure“, werden Filme jener Dekade zitiert: „Zurück in die Zukunft“, „Ghostbusters“, „Gremlins“, „The Lost Boys“, wo Kiefer „24“ Sutherland ein Vampir war. Und auch hier herrschen die Popsounds der viertletzten Dekade.

Gleiches gilt für das bowiesk-hymnische „Thought Contagion“, für „The Dark Side“ mit seinen Depeche-Mode-Reverenzen, für „Propaganda“, die Verbeugung vor Prince. Muse, die längst zu den größten Bands der Welt zählen, entführen uns mit ihrem neuen Album „Simulation Theory“ in eine Zeit, als erst alles schlimm schien, und dann alles gut wurde. In der die Atomkriegsangst verschwand und Perestroika die Hoffnungen auf eine Zukunft ohne Blöcke und Mauern schürte.

Das Gefühl, in einer Scheinwelt zu existieren, ist brandaktuell

„Lasst uns all unseren Ängsten ins Auge sehen / kommen wir raus aus den Schatten“, singt Bellamy, der in Interviews bekundete, heute weniger Angst vor der Zukunft zu haben als früher. Der Titel des Albums stammt von den schwedischen Philosophen Nick Bostrom, der 2003 in seiner Abhandlung „Are You Living in a Computer Simulation?“ propagierte, die Menschen lebten in einer virtuellen Welt.

Dieses Gefühl, in einer Scheinwelt zu existieren, kam Bellamy über seine neue Leidenschaft für Computerspiele. Und sie lässt Muse absolut auf Zeitenhöhe erscheinen, durchdringt es derzeit doch viele Menschen im Westen. Seit Brexit, Trump-Präsidentschaft und all den vornehmlich rechten Populisten, die in unnatürlich hoher Zahl in die Parlamente der Welt ploppen, kommt einem die Welt zu unwirklich vor, um sich wirklich vor ihr zu fürchten. Stattdessen erwartet man aufzuwachen - und alles war nur ein Traum.

Und dazu kontern Muse mit einer Musik, die die Lust am Leben feiert. Die mal elektronischer ausfällt wie bei „Algorithm“ und mal eher rockig wie bei „Blockades“. Immer wieder lässt das Trio in der Gitarrenarbeit seinen Kern als Rockband durchschimmern.

Wenn Rockbands Synthesizer entdecken, sind Fans gern skeptisch

Und trotzdem wird das Album die Gemeinde spalten wie im Vorjahr „One More Light“ die Linkin-Park-Gemeinde spaltete, „Everything Now“ den Arcade-Fire-Fanclub in zwei Lager zerfallen ließ und 2014 nach der Single „A Sky Full of Stars“ mit Avicii Teile der Coldplay-Anhängerschaft lange Gesichter machten. Wenn Lieblingsbands die Tanzmusik entdecken, fürchten Rockfans das mehr als eine Begegnung mit dem Werwolf. Das gilt, seit die Maskenrocker Kiss mit „I Was Made for Loving You“ 1979 den Bee Gees in die Diskotheken folgten.

Muse haben das Polaroid-Prinzip genutzt, das schon U2 für ihr Album „Zooropa“ verwendeten. Während der „Drones“-Tour ging man, wann immer ein wenig Zeit übrig war, ins Studio und nahm einen Song auf. Keine langwierigen, zusammenhängenden Albumsessions, das Zeitalter der Platten ist schließlich abgelaufen.

Vinyl erfährt zwar ein kleines Comeback als Edeltonträger, die CD aber fährt in die Grube. Die Musikkundschaft jüngeren Datums bevorzugt den einzelnen Song vor dem Songverbund.. Und so erscheint „Simulation Theory“, das achte Studioalbum des Trios aus der englischen Grafschaft Devon, als Bündel aus unabhängigen Songs statt als Album mit Konzept. „Simulation Theory“ ist zudem hochgradig kommerziell, eine Platte mit Songs, die klingen, als seien sie die Greatest Hits einer Band. Eine Singles-Collection sozusagen.

Rückzug ins Private? Zwei Muse-Mitglieder heiraten

„Ich brauche jemand Menschliches“, singt der Single Bellamy. Das gilt auch privat, er will nächstes Jahr das US-Model Elle Evans heiraten, hat er gerade erst bekannt gegeben. Auch Wolstenholme plant (zum zweiten Mal) den Ringetausch. Mal sehen, ob sich die Welt dann wieder wirklicher für Muse anfühlt. Mal sehen respektive hören, wie dann in ein paar Jahren das neunte Album klingt.

Muse: „Simulation Theory“, erscheint am 9. November Muse live am 29. Juni im RheinEnergieStadion Köln

Von Matthias Halbig / RND

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